Mittwoch, 14.08.2019

How do you see Ghana?

Diese Frage bekomme ich eigentlich von jedem Ghanaer auf der Straße zu hören, mit dem ich mich mehr als fünf Minuten unterhalte.

Ichfrage mich dabei jedes Mal, was sie jetzt von mir hören wollen. Soll ich wirklich ausholen und ihnen beschreiben, wie meine Eindrücke in dem gesamten Jahr waren, welche Höhen und Tiefen, positive und negative Aspekte dieses Land für mich mit sich gebracht hat? Und wo fange ich da überhaupt an?

Oder wollen sie einfach nur eine Floskel wie “gut”, “interessant” oder “anders” hören?

Meist greife ich auf die Herzlichkeit der Ghanaer, sowie das Essen zurück. Aber zufrieden bin ich mit meiner Antwort im Nachhinein meistens selber nicht.

Ich kann einfach nicht gut genug beschreiben, wie dieses Jahr für mich war, wie dieses Land mit seinen Bewohnern mich verändert und geprägt hat. Ich weiß es ja selber noch nicht so ganz, das wird sich vermutlich erst mit der Zeit in Deutschland zeigen.

Auch die Frage, ob das Jahr für mich eher schnell oder langsam vorbei gegangen ist, kann ich so pauschal nicht beantworten. Gerade am Anfang und zwischendrin hatte ich scheinbar endlos lange Tage bzw. Wochen, an denen ich sofort abfahrbereit gewesen wäre, hätte mir jemand gesagt, dass am nächsten Tag mein Flug nach Deutschland geht. Solche Gefühle sind allerdings vermehrt in der ersten Hälfte aufgetreten, weswegen diese auch dementsprechend langsamer vorbei ging nach der aufregenden Anfangszeit.

Das zweite halbe Jahr hingegen ist unglaublich schnell vergangen, wirklich, es ist schier geflogen. Gefühlt war gerade erst mein Geburtstag und jetzt sitze ich hier in meinem leeren Zimmer, die Koffer sind gepackt (und wahrscheinlich viel zu schwer), und in 21 Stunden sitze ich schon wieder im Flieger nach Deutschland.

Kennt ihr das? Man hat ein Ereignis von vor einem Jahr im Kopf, was einem vorkommt, als sei es gestern gewesen. Dann ruft man sich aber in Erinnerung, was in der Zwischenzeit, in diesem einen Jahr, so alles passiert ist, an welchen Orten man war und welche Leute man wo und wann getroffen hat und dann ist die Zeitspanne von einem Jahr doch wirklich ein Jahr und ziemlich lange.

Ich bin einfach so froh, damals die Entscheidung getroffen zu haben, einen Freiwilligendienst in Ghana zu absolvieren.

Anfangs, weiß ich noch, fand ich Martha total unfreundlich, kaltherzig und abweisend.

Und heute Abend saßen wir beide weinend nebeneinander auf dem Sofa und wussten nicht, was wir noch sagen sollten.

Auch wenn der Abschied morgen nochmal unsagbar schwer werden wird (mir kommen schon die Tränen, wenn ich nur daran denke), bin ich doch unendlich dankbar, in diesem tollen Land eine zweite Familie zu haben, bei der ich immer mit offenen Armen empfangen werde und die sich jetzt schon freut, wenn ich (hoffentlich) nächstes Jahr wiederkomme um sie zu besuchen.

 

In diesem Sinne: bis ganz bald, Deutschland und bis nächstes Jahr, Ghana! 🇬🇭

 

PS: Vielen lieben und wirklich herzlichen Dank an alle, die aktiv meinen Blog verfolgt haben und an meinem neuen Lebensabschnitt so interessiert waren. Da macht das Schreiben gleich noch doppelt so viel Spaß, wenn man die Besucherzahlen sieht !

Donnerstag, 25.07.2019

334 Tage, 12 Stunden und 42 Minuten

Das ist die Zeit, die mir jetzt gerade in diesem Moment rechts am Rand angezeigt wird. Die Zeit, die ich bereits in Ghana bin. 334 Tage in diesem tollen Land bedeuten im Umkehrschluss aber auch nur noch 21 verbleibende Tage. Drei Wochen, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, dem Ganzen "Tschüss" zu sagen, alles hinter mir zu lassen, was für ein Jahr mein Leben, meine Heimat, mein neues Zuhause war. Ohne zu wissen, wann man die Möglichkeit haben wird, zurückzukehren. Ich glaube, gerade das macht es so schwer. Und natürlich die vielen kleinen Momente im Alltag, in denen man plötzlich einen heftigen Anfall von Wehmut und Verzweiflung bekommt, weil man realisiert, wie die Zukunft aussehen wird und ich dieser gerne ein, zwei Kleinigkeiten hinzufügen würde:

Ich würde so gerne Nancy als Teil meiner Zukunft sehen. Dieses kleine, zuckersüße Mädchen, dessen Lebensweg ich von ihrem ersten Tag zu Hause an miterlebt habe. An deren Schreie beim Füttern, ihren Groll auf alle Mützen, Haarbänder und Haargummis, ihre Liebe zum Bücher vorlesen, ihr zuckersüßes Lachen (und und und) ich mich schon genauso sehr gewöhnt habe, wie sie sich an mich gewöhnt hat. Jeden Morgen, wenn ich zu ihrem Haus komme und sie meine Stimme hört, hört sie auf zu trinken, rutscht vom Schoß ihrer Mama herunter und kommt zur Tür getapst, nur um mich mit einem fetten Grinsen im Gesicht zu begrüßen. Fremde gehen derzeit auch überhaupt nicht in Ordnung für sie, sodass sie bei jedem, der nicht Martha oder ich ist, erstmal anfängt zu weinen. Dass ich fast denselben Status wie ihre Mutter habe, bedeutet mir wirklich unglaublich viel und macht es umso schwerer, sie bald verlassen zu müssen.

Ich mein, muss ich dazu noch was sagen?:

Außerdem würde ich liebend gerne Professor in meinem zukünftigen Leben dabeihaben. Jetzt, wo er immer mehr redet und (Dank seiner neuen Schule) auch viel auf Englisch kommuniziert, kommt seine freche, energiestrotzende und lebensfrohe Art noch mehr zum Vorschein. Ein, zwei „lustige“, immer wiederholende Sätze reichen aus, um ihn den ganzen Weg zum Shop und wieder zurück zum Haus am Lachen halten zu können. Er ist ein absoluter Auto-Freak, jedes Mal, wenn eines an uns vorbeifährt, muss ich ihn besonders fest an der Hand halten, da er gerne schon auch mal dazu neigt, zu dem fahrenden Auto zu rennen und es anfassen zu wollen. Schlimmer ist das nur noch bei Motorrädern. „Hannah, see, Moto!“, wird gerufen und dann muss erstmal stehen geblieben, gestaunt und gewunken werden, bis es am Horizont (oder hinter der nächsten Ecke) verschwunden ist. Martha schimpft immer, weil er in ihren Augen zu gerne spielt und zu wenig lernmotiviert ist, aber mal ehrlich: das Kind ist drei! Und dumm ist er ganz sicher nicht. Eines der Bücher, die ich Abend für Abend mehrfach vorlese, beinhaltet mehrere Kurzgeschichten. Nach ein paar Wochen täglichem Lesen ist es inzwischen soweit, dass ich immer einen Satz anfange und Professor ihn beendet, weil er schon ganz genau weiß, was kommt. Manchmal sagen wir den nächsten Satz dann sogar auch komplett gemeinsam. Das Buch brauchen eigentlich also weder er, noch ich mehr zum Lesen, es dient nur noch zum Bilder anschauen, was beide Kinder wirklich liebend gerne machen.

Bei einem unserer abendlichen "Spaziergänge". PS: Wer findet Nancy? ;)Noch nicht ganz wach so früh am Morgen...

Naja und ansonsten würde ich einfach noch so viele andere Menschen gerne auch in Zukunft um mich herumhaben, sei es Martha, Patricia, Collins, Daniela oder die anderen Kinder aus Nachbarschaft und Schule. Ich sag immer, so ein kleines Stückchen Ghana in Deutschland wäre super! Dass man kurz mal für ein paar Stunden rüber nach Ghana geht, allen „Hallo“ sagt, ein bisschen Waakye und Banku mit Pepper isst und dann wieder nach Deutschland zurück switcht. Das würde vieles um einiges einfacher machen!

Aber leider ist das unmöglich. Die Realität sieht nämlich so aus, dass ich heute meinen letzten Schultag hatte, was wiederum bedeutet, dass ich den Großteil derjenigen Kinder, die mich jetzt ein Jahr begleitet haben und die ich trotz der ein oder anderen Verwünschung und meinen ersten grauen Haaren so liebgewonnen habe, für sehr lange Zeit nicht sehen werde. Manche wahrscheinlich sogar nie wieder. Da haben auch die Danksagungen und das Klatschen am Ende nicht viel geholfen, in diesem Moment war ich wirklich eher kurz vor den Tränen. Gerade, weil es so lieb von ihnen war. Kompliziert und verwirrend diese Gefühle, immer auf einem Grat zwischen Freude und Wehmut.

Ich kann mich noch ganz genau an einen Moment erinnern, zwei Wochen nachdem wir in Ghana angekommen sind. Thilo und ich saßen vor dem Klassenzimmer auf den üblichen braun-beige-orangenen (die Farbe ist nicht zuordnungsbar 😉) Plastikstühlen, haben über deutsches Essen sinniert und von gegenseitigen Besuchen in Deutschland gesprochen. Damals haben wir gesagt, dass es zwar total bescheuert ist, bereits nach so kurzer Zeit über solche Themen zu reden, wir aber einfach kein dreiviertel Jahr mehr warten können, bis dieses Verhalten in Ordnung wäre. Und jetzt ist diese Zeit, in der es in Ordnung ist, über Pläne in Deutschland zu reden, doch schon da, unser ghanaisches Abschlussseminar war letzte Woche, ein letztes Treffen mit allen Freiwilligen steht dieses Wochenende an und darauf den Samstag ist ein letztes Kochen mit George und den dazugehörigen ARA-Nabi Freiwillige geplant (ziemlich viele "letztes"...).

Mit jedem Tag der vergeht, schwindet meine Freude auf Deutschland, die vor ein paar Wochen noch so groß war, ein wenig. Ich weiß, dass der jetzige Teil meines Lebens bald vorbei sein wird und wie das halt immer ist, möchte man ja meist das haben, was man nicht haben kann. Sprich, ich werde in wenigen Wochen alles Deutsche wiederhaben, deswegen schreien mein Gehirn und mein Körper förmlich danach, alles Ghanaische, was mir zu entfliehen droht, festzuhalten. Und obwohl ich mir dieser blöden Reaktion durchaus bewusst bin, kann ich nichts dagegen machen. Nichtsdestotrotz ist die freudige Aufregung natürlich immer noch vorhanden, wenn ich an das baldige Wiedersehen mit Familie und Freunden denke, das will ich gar nicht bestreiten. Und wenn ich Ghana schon nicht mitnehmen kann, muss eben so viel wie möglich auf Bildern und Videos festgehalten werden.

Ich glaube, vor allem heute, am letzten Schultag, auch „our day“ genannt, habe ich so viele Bilder gemacht, bzw. machen lassen, wie nie zuvor an einem Tag. Ich wollte einfach alles mitnehmen, möglichst jeden Schüler und jeden Lehrer vor die Linse bekommen, die Dekoration, das Essen und die Getränke fotografieren, sowie ein letztes Mal für die Ewigkeit Assembly am Morgen und Closing am Nachmittag, ebenso wie meine tanzenden und singenden Schüler, per Video festhalten. Zum Schluss habe ich es sogar tatsächlich noch geschafft, alle zu einem großen gemeinsamen Gruppenbild zusammen aufzustellen. (Fast) alle Schüler und Lehrer zusammen! Es war wirklich ein schöner Abschlusstag mit viel Spaß, lockerer Stimmung und ständigem Gelächter!

So behalte ich meine Schulzeit an der Jehovah Rapha School gerne in Erinnerung!

Die folgenden Bilder sind alle in dieser letzten Schulwoche entstanden:

An diesem Tag......sind bei meinen Schneiderinnen......nicht nur neue Kleider entstanden ;)Im letzten Staff-Meeting wurde mir offiziell gedankt.Madame IreneMadame Josephine (Und Blessing im Hintergrund :P)DanielaEin paar Süßigkeiten für alle durften natürlich auch nicht fehlen ;)Letztes Mal Versammlung zum ClosingFast alle Schüler und Lehrer!Das Lehrer-Kollegium (ohne Madame Martha und Madame Augustina)

Dienstag, 18.06.2019

Peace out, Peace in

Peace… Wer erinnert sich noch an den weißen Kater mit den rot-braunen Flecken, der mit Patricia und Collins bei uns im Haus gewohnt hat (und hinterher dann eben in ihrem neuen Zimmer)?

Nun ja, vor zwei Wochen ca. kam Collins zu mir und meinte, der Landlord des Nachbargrundstücks, auf dem schon seit Längerem ein Haus gebaut wird, sei zu ihm gekommen und meinte, in einem der Räume läge eine tote Katze, er solle schauen, ob das seine sei. Angeblich sei es wirklich Peace gewesen. Nachdem ich Collins das erst nicht glauben wollte, bin ich schließlich doch mit ihm mit und tatsächlich: in einem der unfertigen Zimmer lag diese Katze tot vor dem Fenster. Nachdem weder Patricia noch Collins in der Lage waren, den Kater wegzuschaffen, der Hausbesitzer sie aber verständlicherweise auch nicht da liegen haben wollte, war es wohl an mir, mich um die Beerdigung zu kümmern. Mit Schaufel und alten Betonsäcken ging es dann also daran, diese Katze irgendwie einzupacken. Nicht gerade einfach, wenn man nur zwei Hände hat, aber drei Dinge gleichzeitig bedienen muss. Also wollte ich einen der Arbeiter im Haus um Hilfe fragen, ich dachte, Mitte 20-Jährigen sei so etwas zuzutrauen. Leider zeigte sich im Zuge dessen wieder einmal: große Klappe, nichts dahinter. Aber wie heißt´s immer so schön: selbst ist die Frau, also hat es letztendlich auch alleine irgendwie funktioniert.

Da ein Leben ohne Tiere meiner Meinung nach nur halb so schön ist, war ich dementsprechend höchst erfreut, als mir eines Tages vor der Haustür ein kleiner Hund entgegengesprungen kam. Der kleine Racker gehört Martha, Mr. Gyampos Witwe, die jetzt auch hier wohnt und ist ein knuddeliger, wunderschöner und sehr verspielter zwei Monate alter Mischling (wie sollte es auch anders sein hier in der jeder-Streuner-paart-sich-mit-jedem-Streuner-Hunde-Kultur? 😉 Und es gibt viele Streuner kann ich euch sagen…). Naja und wie es der Einfallsreichtum der Ghanaer, was Tiernamen anbelangt, nunmal so will, heißt diese Hündin jetzt ebenfalls „Peace“. Nachdem früher immer die Katze vor meiner Tür ihren Schönheitsschlaf abgehalten hat, wache ich jetzt jeden Morgen also wieder mit einem/r schlafenden Peace auf meiner Fußmatte auf – bloß die Gestalt und die Farbe haben sich geändert und… naja, eigentlich alle Aspekte außer des Namens 😉.

An Peace, die mir zwar immer folgt, aber jedes Mal schön brav VOR meiner Zimmertür stehen bleibt, hätten sich auch mal besser die Suhumer Ameisen ein Beispiel genommen. Diese unklugen Tierchen haben es aber eines Abends dummerweise gewagt, einen Weg durch mein Fenster nach innen zu finden und sind munter die Fensterbank rauf und runter marschiert. Anmerkung: wir reden hier nicht von den kleinen Winz-Ameisen, die es hier in Hülle und Fülle gibt, und die immer Jagd auf alles Essbare machen, ganz egal, wie gut es eingepackt ist – Nein, wir reden hier von großen, fetten, schwarzen Ameisen, durch die es schien, als ob sich mein gesamtes Fenster bewegen würde. Da ich unter diesen Umständen niemals an Schlaf denken könnte, das Insektenspray aber einen Tag zuvor von Martha aufgebraucht worden war, bin ich den Viechern mit Besen und einem Eimer Wasser zu Leibe gerückt. Die grandiose Idee, die Tierchen von dem Fensterbrett einfach direkt in den Wassereimer zu kehren, entpuppte sich eher als so semi-gut. Die Kurzfassung: ungefähr jede zehnte Ameise landete im Eimer, der Rest plumpste auf den Boden, wo sie natürlich sofort das Weite suchten und sich unter dem Bett, sowie hinter Rucksäcken und Regalen versteckt hielten. Aber nicht mit mir! Jede einzelne habe ich erwischt, auch wenn es mich über eine Stunde gekostet hat – hinterher wurde die Einstiegsstelle mit einer dicken Schicht „Nobite“ eingesprüht. Ob das wirklich was geholfen hat, kann ich nicht sicher sagen, bis jetzt sind aber zumindest keine neuen ungeladenen Gäste in meinem Zimmer aufgekreuzt.

Ich glaube ja, dass diese Krabbeltierchen aufgetaucht sind, weil es kurz zuvor nach ein paar warmen Tagen wieder einmal richtig stark geregnet hatte. So Wetter mögen die immer sehr gerne. Hach ja, apropos Regen: Genauso ein Starkregen ist mir auch letztens zum Verhängnis geworden, als ich mal wieder in Koforidua war. Was in Suhum noch wunderschöner, strahlend blauer Himmel war, verwandelte sich in der östlich gelegenen Nachbarstadt in ein dunkles Wolkenband und Platzregen. Mein geplanter Gang vom Internetcafé (Bewerbungen sind alle raus – check!) zum Markt, wo ich mich mit Helena zum Einkaufen für Carlos abendliche Geburtstagsfeier treffen wollte, zögerte sich somit um einiges heraus. Als es dann irgendwann noch immer keine Aussicht auf Besserung gab und es immer später und später wurde, habe ich mich wohl oder übel doch noch in den Regen gestürzt. Ein fataler Fehler, wie mich meine Flipflops bald schon erinnerten. Denn so wenig ihnen der Regen auch ausmacht, ein Problem gibt es mit den Gummisohlen (Der Part, auf dem die Füße sind, nicht die Unterseite): Sie werden sehr, sehr rutschig. So musste ich den ein oder anderen Lacher meiner ghanaischen Zuschauer über mich ergehen lassen, die von dem Obruni-Mädchen, das es beim dritten Mal Schuh-Verlieren, auf einer Strecke von zehn Metern, doch tatsächlich schaffte, einen von ihnen in den Abwasserkanal zu befördern, bestimmt noch beim Abendessen erzählt haben. Zu meiner Verteidigung: es ging bergauf, das hat das Laufen noch erheblich erschwert! 😉 Aber damit noch nicht genug – dadurch, dass all meine Körperteile scheinbar darauf fokussiert waren, nicht noch einmal einen Schuh zu verlieren, blieb wohl leider kein Teil meines Gehirns mehr übrig, das sich auf den Weg konzentrieren konnte. Gut, ich hatte sowieso keinen genauen Plan, wie ich laufen musste, ich wusste nur, dass ich irgendwann rechts abbiegen musste, aber als ich dann an einer dreistöckigen, völlig unbekannten Schule vorbei- und nach einem Matschweg, der mir mein Kleid nochmal vollständig einsaute, einen halben Kilometer weiter oben als geplant raus kam, wusste ich dann doch, dass da was (in diesem Fall ich, haha) falsch gelaufen war. Der Abend war dann aber noch wunderschön und das Essen, bestehend aus Hühnchen, Bratkartoffeln, Salat, sowie einem Schokopudding auf Avocado-Basis, einfach nur köstlich!! (An diesem Abend habe ich übrigens auch festgestellt, dass man Cha-Cha-Cha genauso gut auch alleine tanzen kann – wenn nicht sogar noch besser als mit einer anderen Person 😉).

Aber nicht nur in Koforidua war ich die letzten Wochen. Nach einem Ess-und-Tratsch-Wochenende in Akwatia, wo auch zwei Mädels ihr Projekt haben, bei dem wir neben Essen und Quatschen tatsächlich auch noch Zeit gefunden haben, den größten Baum Westafrikas zu bestaunen, ging es für Helena und mich letzte Woche Samstag nach Accra auf eine kleine Sightseeing-Tour. Denn tatsächlich bin ich jetzt schon seit zehn Monaten hier im Lande und habe noch nie den Independence Square, sowie den Arch gesehen. Gut, wahrscheinlich ist das das Gleiche, wie wenn Deutsche noch nicht das Brandenburger Tor gesehen haben, aber es stand eben auf meiner Liste an Dingen, die ich in Ghana noch sehen möchte und es hat sich eben für einen Tagesausflug angeboten. Nach einem kleinen Pläuschchen mit den „Wächtern“ hat uns einer der beiden sogar hinauf auf den Bogen geführt, sodass wir über den Straßen Accras neben dem Stern stehen und die tolle Aussicht genießen konnten! Anschließend war eigentlich noch der Leuchtturm in Jamestown geplant, da haben uns aber ghanaische Restaurierungsarbeiten einen Strich durch die Rechnung gemacht, die auch leider noch bis August andauern. Dieser Punkt muss dann also bei meinem nächsten Ghanabesuch abgearbeitet werden.

Am Independece-Square ist nur am Nationalfeiertag was los.

Tatsächlich ist es jetzt schon so weit, dass Martha auch bereits anfängt, von der Zeit zu reden, wenn ich nicht mehr da bin, bzw. vom Abschied an sich. Klar, es sind noch immer zwei Monate, aber andererseits: was sind schon zwei Monate? Acht Wochen gehen so unglaublich schnell um und gerad die letzte Zeit merke ich immer wieder, wie wohl ich mich hier in Ghana, in meiner Umgebung, in meiner Familie fühle! Die Menschen sind mir so sehr ans Herz gewachsen, ganz besonders die Kinder, allen voran natürlich Prof und Nancy. Die Kleine liebt es, mit mir zu spielen, und für mich geht es immer nur darum, ihr ein Lachen zu entlocken. Glaubt mir, für dieses Giggeln, bei dem ihr ganzes Gesicht nur aus ihrem breit strahlenden Mund zu bestehen scheint, tue ich so ziemlich alles! Auch 30 Mal hintereinander eine Weihnachtsmütze aufzusetzen oder mir einen Stift zwischen Mund und Nase klemmen – nur, um mir beides in der nächsten Sekunde wieder von ihr runterreißen zu lassen. Aber im Anschluss kommt das Lachen, und daraufhin geschieht die ganze Prozedur ein weiteres Mal. Und dann nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Wirklich, es ist so, so süß!

Nancy <3

Aber auch die Nachbarsmädchen sind inzwischen wie kleine Schwestern für mich. Abends werden oft Klatschspiele gelernt oder Tänze aufgeführt, wobei kein Tanzabend ohne eine Macarena-Einlage vonstattengeht 😉, manchmal auch gegenseitig Märchen erzählt oder einfach nur schief und laut aber aus vollem Herzen ghanaische Songs gegrölt. Es gibt auf jeden Fall immer was zum Lachen oder Freuen und manchmal machen sogar auch die Jungs (Collins) mit 😉.

ein paar verschwommene Tanzbilder

Das kommende Wochenende wird genutzt, um alle verbliebenen Freiwilligen in Ada-Foah, östlich von Accra an der Volta-Mündung gelegen, zu treffen und eine Runde auszuspannen. Anfang Juli fliegt nämlich der nächste von uns nach Deutschland zurück – wieder ein Junge! Inzwischen haben sich die Fronten stark geändert, von den anfänglichen zehn Jungs sind nach dem kommenden Abflug im Juli nur noch schwache drei männliche Kandidaten übrig, während wir sieben Mädels konstant bleiben und zusammenhalten.

Ich freue mich aber, dass wir nach Ghana noch die Chance haben, uns alle auf dem Nachbereitungsseminar wiederzusehen. Da werden nämlich auch die kommen, die abgebrochen haben, was bestimmt schön wird!

Aber bis dahin ist noch ein wenig Zeit, die ich hier genießen möchte und definitiv auch werde – wie jetzt zum Beispiel, wenn ich gleich noch eine dicke, frische Mango als Betthupferl esse! 😉

PS: Patricia hat inzwischen eine neue Katze, diesmal ist es allerdings weder "Peace" noch "Hope". Dieses Mal heißt die Kleine "Love"...

Montag, 20.05.2019

Nichts ist so beständig wie der Wandel - Heraklit von Ephesos

Was der liebe Herr von Ephesos bereits einige Jahre vor Christus ganz richtig festgestellt hat, erfahre ich derzeit selber ganz besonders. Klar, mit diesem Jahr habe ich mich selber auf eine große Veränderung eingelassen, aber auch innerhalb eines Jahres passiert natürlich sehr viel. Sehr viel Gutes, aber auch einiges weniger Gutes. Kurz nachdem Patricia umziehen musste ist im Nachbarhaus die Hausherrin gestorben, wodurch es dort ziemlich ruhig wurde. Dann vergangenen Dienstag die Nachricht: Mr Gyampo ist tot. Daniel Gyampo war der Landlord, der zwar Patricia und Collins rausgeschmissen hat, zu mir aber immer sehr nett war, auch wenn ich ihn nicht allzu oft gesehen hatte. Da Mercy, seine Nichte, die die letzte Zeit hier im Haus gewohnt hat, daraufhin für einige Tage zu ihrer Familie gegangen ist, dachte ich, es würde nun auch einfach ruhig werden, so wie bei den Nachbarn. Tja, Pustekuchen.

Suhum, Mittwochmorgen, 5:30 Uhr. Während ich mir nach zwei anstrengenden Tagen Schule noch meine wohlverdienten letzte halbe Stunde Schlaf holen wollte, hatte Mr Gyampos Verwandtschaft andere Pläne. Während eine der aufkreuzenden Frauen nämlich klagend, jammernd und schreiend ums Haus lief kamen die anderen langsam hinterher getrottet und kamen irgendwann auf die grandiose Idee durch die Fenster in mein Zimmer zu gucken. Was ich eigentlich absolut nicht leiden kann, war in dem Moment meine Rettung. Nach der glorreichen Erkenntnis, dass hier eventuell noch andere Menschen wohnen („Is this a body over there in the bed? Hey, come here, is this a body? That´s a body!“) wurde die schreiende Frau nämlich beruhigt, an Schlaf war dann trotzdem nicht mehr zu denken. Allerdings habe ich bis heute nicht herausgefunden, ob die greinende Person seine Ehefrau war, womit wir schon beim nächsten Punkt wären: Ich kenne (außer Mercy) keinen einzigen der gesamten Verwandtschaft. Keiner der ganzen Menschen hat sich jemals hier am Haus blicken lassen, wollten nichts damit zu tun haben, obwohl Mr Gyampo Patricia ja extra gekündigt hat, damit seine Kinder rein theoretisch jederzeit einen Raum hier haben können. Warum die „ganzen Menschen“? Nun ja, ich weiß nicht, ob es Mr Gyampos letzter Wunsch war oder ob irgendeiner aus der Familie auf die glorreiche Idee gekommen ist – wie auch immer, Fakt ist, dass entschieden wurde, die einwöchige Todesgedenkfeier, die in Ghana üblich ist, nicht an seinem Wohnhaus in der Stadt abzuhalten, sondern hier an seinem „Zweithaus“. Und das wiederum heißt übersetzt scheinbar so viel wie: eine Woche Zeit, so viel wie möglich an dem Haus zu verändern. Es fing an mit dem Abholzen jeglichen Grünzeugs, dessen Stamm dünner als einen halben Meter ist, ging weiter mit Betonieren einzelner Bodenteile im Flur, die mit naturbelassenen Stein ausgekleidet waren und als ich heute aus Koforidua zurück kam, standen im „Garten“ vier riesige rot-schwarze Zelte, die Palmstämme waren mit Tüchern in den passenden Farben umschlungen, das gelbe Haus ringsherum einen halben Meter die Wände hoch in rot angestrichen, der Eingangsbereich mit Kunstrasen ausgelegt, ein Raum neu gestrichen und der Rest, der gerade nicht frisch gestrichen oder betoniert wurde, ist mit Stühlen vollgestellt. So viel also zum Wandel. Während mir die meisten Änderungen im Haus relativ egal sind, tut mir das Abholzen der ganzen Pflanzen schon ziemlich weh. Es sah so wunderschön aus, wenn alles so grün war und die plattgewalzte Erde sieht jetzt eher aus wie ein ghanaisches Fußballfeld. Das Gute daran ist aber, dass ich später, wenn die Zelte abgebaut sind, zumindest eine schöne ebene Fläche zum Volleyballspielen habe – always look on the bright side of life 😉.

Während die Leute hier also Samstag und Sonntag fleißig am Werkeln waren, habe ich die Tage (wie bereits erwähnt) in Koforidua verbracht. Freunde hatten mich zu einer Barbecue-Party eingeladen, und auch wenn ich diese zwar größtenteils mit in der Küche stehen, vorbereiten, helfen und rennen verbracht habe (Manche Dinge ändern sich eben nie 😉), der Obstsalat durch die Hitze bis zum Servieren leider schon gegoren war und ich aufgrund der ca. vierzig Gäste nicht viel vom restlichen mühsam zubereiteten Essen gesehen habe, war es trotzdem ein schöner Abend. Außer den vier Obrunis kannte ich zwar keinen einzigen, als die ghanaischen Jungs dann angefangen haben zu tanzen, war das aber ganz egal, dann war man nämlich mit gucken beschäftigt und wollte sich eh nicht unterhalten 😉. Übrigens hatte die Familie einen runden vier Meter großen Pool aufgebaut (ja, diese Gastfamilie hat Geld), den nicht nur die minderjährigen Gäste super fanden. Als ich mir aber ausgerechnet hatte, wie oft ich laufen müsste, um diesen Pool mit dem Brunnenwasser bei Martha zu füllen (314 Mal), habe ich die Idee, mir auch so ein Ding anzuschaffen, ganz schnell wieder verworfen. Da würde das Wasser ja schneller wieder verdunsten als ich mit Schleppen hinterher kommen würde 😉.

Auf dem Hinweg nach Koforidua (wir rollen das Ganze jetzt einfach von hinten auf), als ich ganz entspannt im Tro saß, habe ich das ghanaischste seit Langem gesehen: Es gibt einen Punkt auf der Strecke, an dem öfter mal Polizisten stehen und die Fahrzeuge kontrollieren. Vor uns fuhren zwei Taxis, die durch kommende Fahrzeuge auf die bevorstehende Kontrolle hingewiesen wurden. Diese beiden voneinander unabhängigen Taxis hielten daraufhin am Rand an, aus dem Auto, in dem fünf Passagiere saßen, rannte einer schnell in das mit nur drei Insassen, beide fuhren ungehindert durch die Kontrolle, nur um nach der nächsten Kurve anzuhalten und den Passagier-Tausch wieder rückgängig zu machen. Das war so 100% Ghana!

Ein weiteres Highlight der letzten beiden Wochen war definitiv das Championsleague Halbfinal-Spiel Ajax Amsterdam gegen Hotspur Tottenham, welches ich mit vierzig ghanaischen Jungs in einem kleinen Schuppen nahe Marthas Haus geschaut habe. Da die Fronten ziemlich halb, halb aufgespalten waren, ging es mehr als heiß her. Der eh schon brodelnde Kessel ist letztendlich völlig explodiert, als Tottenham kur vor Schluss doch noch das entscheidende Tor geschossen hat. Der Jubel auf der einen Seite und das Geschimpfe und Gebrülle auf der anderen Seite, gepaart mit ghanaischen Wortgefechten zwischen Leuten, die sich sonst super verstehen, war einfach göttlich und ich habe jede einzelne Sekunde genossen!

Auch wenn mir der Ausgang des Spiels relativ egal war, juble ich in letzter Zeit trotzdem sehr viel. Denn: Es regnet endlich!!! Seit einer Woche ungefähr ist das altbekannte Schema der Regenzeit zurück – morgens Sonne und dann ab drei Uhr nachmittags Regen, Gewitter und Stromausfälle als würde es kein Morgen geben. Ich liebe es! Na gut, die Stromausfälle eher weniger, aber die nehme ich gerne in Kauf. Außerdem kann Nancy inzwischen laufen! Mit ihren neun Monaten ist sie ziemlich früh dran damit, ist auch meistens noch zu faul und krabbelt lieber, was deutlich schneller und weniger anstrengend ist. Aber an der Hand kann sie schon sehr sicher laufen und auch ohne Hilfe schafft sie es, kurze Strecken im Zimmer zu tapsen. Es ist einfach zu niedlich!

Mit dem Regen kommt die Kälte - Da wird schon mal Jacke und Mütze ausgepackt.

Naja und dann war da noch die Sache mit der Kleiderspenden-Tasche. Von Zeit zu Zeit kommen im Waisenhaus nämlich Spenden an, nicht immer nur Essen und Geld, sondern oft auch Dinge wie Klopapier, Windeln oder Klamotten. Letztere manchmal auch in Größen, in die die Kinder wohl so schnell nicht reinwachsen werden. So auch vergangene Woche, als der Headmaster alle Lehrer ins Office rief: eine große Tasche mit Erwachsenenkleidung war in den Tiefen des Raumes gesichtet worden – und damit ging das ganze Spektakel auch schon los. Als wären es die letzten Klamotten die es für die kommenden drei Jahre in Suhum zu ergattern gäbe, stürzten sich diese eigentlich erwachsenen Menschen auf die Kleidung, es wurde gefetzt und gestritten, Dinge aus Händen gerissen und alles auf dem Arm gestapelt, was einigermaßen die richtige Kleidergröße hatte, türkisene Ballkleider und Blazer ebenso wie Mäntel und Schals, Frauen und Männer in einem auf Schnelligkeit basierendem Wettkampf. Dass es sich ausschließlich um Frauenkleidung gehandelt hat, hat die männlichen Kandidaten wenig gestört, die taillierte Winterjacke konnten trotzdem noch zur Motorradjacke umfunktioniert werden und der selbstgestrickte Schal kam zum Beginn der Regenzeit wie gerufen. Ich konnte das Ganze nur wieder einmal lachend und kopfschüttelnd mitverfolgen und meine Antwort „Aus Angst, ein altes Teil von mir zu finden“ auf die Frage, weshalb ich nichts nähme, haben auch nicht alle Anwesenden verstanden 😉. Am Ende blieben sogar noch ein paar wenige Stücke übrig, die sich die älteren Schüler schnappen durften und die auch gleich am nächsten Tag stolz getragen wurden.

Und das war noch eine der kleinen Kleidungspakete am Ende...

PS: Weil dieser Aspekt bei vielen in der Heimat schon für Lacher gesorgt hat, hier auch einmal für alle anderen: Ja, bei uns in Suhum werden die Laternen mit einem Schalter angemacht. Wer gerade vorbei kommt und Licht braucht, kann die Lampe einschalten; sobald es hell wird, schaltet der Erste, der sie passiert, sie wieder aus. 

Eine der besagten Laternen vor meinem Haus......und besagter Schalter

 

Nachtrag Dienstag, 21.05.: Heute hatte eine Lehrerin tatsächlich das türkisene Kleid in der Schule an...

Montag, 06.05.2019

Besuch aus der Heimat, Urlaub und was sonst noch so passiert ist

Heute Morgen bin ich tatsächlich um 6:45 Uhr total euphorisch (von alleine!) und zutiefst beeindruckt von meiner inneren Uhr aufgewacht und gleich beschwingt losmarschiert, um Professor an seinem ersten Schultag nach den Ferien (bei ihm startet die Schule bereits heute, für Martha und mich erst morgen) wie immer zum Bus zu bringen. Als ich dann allerdings den kleinen Jungen noch tief schlafend vorfand, war mir schnell klar, dass Martha ihre Pläne über Nacht mal wieder geändert hatte – „No, he won´t go to school today“ kam mir auch gleich entgegen. Gefolgt von einem „Hannah, today I feel like eating Sister Oyes Waakye. Please, go and buy me some“. Ich konnte mein Glück kaum fassen, noch fünf Minuten zuvor hatte ich Collins erzählt, dass ich heute richtig Lust auf Waakye hätte und dann das. Also kurzerhand das bereits aufgesetzte Ricewater in den Kühlschrank gestellt, den inzwischen aufgewachten Prof an die Hand genommen und ab ging es zu Patricia und ihrem „Waaaaakyeeeeee“.

Frisch geduscht, gut gesättigt und mit bester Laune (Waakye am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen) wollte ich dann top-motiviert Wasser holen gehen, um den sonnigen Tag zum Waschen zu nutzen. Ja, ich weiß, heute ist nicht Mittwoch, allerdings ist Mittwoch bereits wieder Schule und keine zehn Pferde (aber eventuell elf) bringen mich dazu, in der Früh um fünf aufzustehen und mich zu stressen, wenn ich das Ganze auch entspannt heute an meinem letzten freien Tag machen kann. Tja, doof nur, dass der Filter bei den Nachbarn mal wieder verstopft war, sodass das Wasser in einem Strahl herauskam, der es mit den ghanaischen Wasserfällen zur Trockenzeit aufnehmen konnte. Zehn Minuten und einen kleinen Plausch mit der Hausherrin (sie konnte mir leider nicht helfen, Wasser ist die Angelegenheit ihrer Kinder, bzw. ihres Mannes und die waren nicht im Haus) später hatte ich immerhin einen Eimer voll, der zumindest für den ersten Waschgang reichte. Mit einem Podcast im Hintergrund und einem unterm Bett gefundenen (etwas weichen, aber noch leckeren) deutschen Lolli im Mund war das im Schatten hinterm Haus auch sehr gut auszuhalten. Da ich jetzt aber warten muss, bis die Nachbarskinder nach Hause kommen und den Anschluss reparieren, dachte ich, ich nutze die Zeit und bringe euch mal wieder auf den neuesten Stand der Dinge. Nach drei Wochen Ferien ist da auch einiges zusammengekommen, also wer gerade nicht so viel Zeit hat, sollte sich vielleicht ein Lesezeichen setzen und lieber später weiterlesen. Alle anderen nehmen jetzt bitte eine bequeme Position ein und gehen noch einmal auf Toilette. Ich für meinen Teil bin mit meiner frisch aufgeschnittenen Mango (eine der Besten, die ich jemals gegessen habe) neben mir und viel Zeit für den heutigen Tag (es ist noch nicht einmal elf – um die Uhrzeit bin ich sonst in den Ferien oft noch beim Frühstücken gewesen) auf jeden Fall schonmal bestens ausgestattet ?.

Angefangen wird heute mit der letzten Woche vor den Ferien, der Woche, in der aufgrund fertig korrigierter Examen und nichts mehr zu tun, wirklich tote Hose herrschte in der Schule, was normalerweise sehr schnell sehr langweilig werden kann. Aber nicht dieses Mal! Dieses Mal gab es nämlich einen Special-Guest in Form meiner lieben Freundin Theresa aus Deutschland, die einfach durch ihre Anwesenheit als zweiter Obruni noch einmal für ein klein wenig Aufregung unter den Kindern sorgte. Akzeptiert wurde sie sowieso sofort und so konnten wir die letzten paar Tage gemeinsam den neugierigen Fragen der Lehrer und den Anhänglichkeiten der Kinder strotzen. Nach ein paar kleinen aber feinen Magen-Geschichten aufgrund schlecht verträglicher Plantainchips hielten wir uns nach Einläuten der Ferien auch gar nicht mehr länger als unbedingt nötig in Suhum auf, sondern düsten schon am ersten Ferientag auf in die Volta-Region, einer Woche voller Abenteuer, Erlebnissen und wunderschönen (Essens-)Momenten entgegen. Für unser erstes Ziel ging es über Koforidua, was übrigens die Hauptstadt der Eastern Region ist, direkt nach Ho, der Hauptstadt der Voltaregion und auch wenn ich nach vierstündiger Fahrtzeit (trotz häufigen Positionswechsels) meine Beine kaum noch gespürt hatte, da diese durch ihre zu große Länge leider so gut wie nie genügend Platz finden, ist Trotro fahren einfach immer wieder so wunderschön! 15 Menschen in einem klapprigen, umgebauten Minibus, alle ein gemeinsames Ziel aber einen unterschiedlichen Grund, manche in ihren Festtagskleidern, andere in ihren Marktschürzen, die vielen verschiedenen Gerüche, die verschiedenen Gespräche in der mir inzwischen so vertrauten Sprache, dabei den Fahrtwind und die Sonne im Gesicht und an mir vorbei zieht die ghanaische Landschaft, wechselt während der Strecke ihre Farben und Formen – es ist einfach nur herrlich!

Gerade noch in der Schule... ...ging es gleich darauf raus aus Suhum

Während sowohl die Leute als auch das Trotro gleichblieben, wechselte das Wetter leider sobald wir tiefer in die Region östlich Ghanas größten Sees eindrangen und als wir schließlich in unserem Zielort ankamen, regnete es doch tatsächlich. Wie lange hatte ich in Suhum bitte auf Regen gewartet und dann muss ich erst wieder verreisen, um ihn zu bekommen.

Das Gute war außerdem, dass durch den Regen am Vortag unser erster „richtiger“ Tag (also der nächste) schön angenehm kühl startete, sodass Theresa und ich beim Verlassen des Hotels nur wohlig um die Wette seufzen konnten. Super motiviert wollten wir den Tag auch gut nutzen und zuerst auf den Mount Afadja (oder einfach nur „Afadjato“, das „to“ heißt „Berg“) und anschließend noch zu den unteren Wli-Waterfalls laufen, die wohl bekanntesten Wasserfälle Ghanas. Da die Verbindung zum Afadjato aber nicht so ganz einfach ist, haben wir an der Hotelrezeption nach Tipps und Tricks gefragt, woraufhin die nette Dame uns auch gleich versprach, ihren Sohn zu schicken, der sich super in der Umgebung auskenne und sich auch nicht zu schade sei, für zwei Obrunis einen Tag lang Fremdenführer zu spielen. Solche Angebote können manchmal wie ein Sechser im Lotto sein, manchmal geht man mit 0,0 raus und manchmal ist es eine Katastrophe. Die beiden 13- und 16-jährigen Jungs, die nach einer Stunde Warten auf dem Gelände auftauchten, entpuppten sich als ein Mittelding der letzten beiden Kategorien. Ohne wirkliche Englischkenntnisse, keine Ahnung vom (Weg zum) Mount Afadja und ohne Geld sind sie also mit uns ins Taxi gestiegen, weil wir ihnen zumindest eine Chance geben wollten und dann doch irgendwie zu Deutsch waren, um zu, sagen, wir fahren ohne sie. Der Weg zu den Wasserfällen war dann auch wunderschön, ebenso wie die Fälle selber natürlich. Über neun kleine Brücken ging es durch ghanaisches Grün, an Ananas-Stauden und bunten Schmetterlingen vorbei, bis wir dann schon bald das Wasser hören konnten. Es war wirklich richtig schön! Allerdings hätte man für den Weg an sich keinen Guide gebraucht, da es nur einen Weg gab, welchen man auch wirklich nicht verfehlen konnte, es wurde aber dennoch einer vorgeschrieben, ich schätze, die Leute vor Ort hatten schon ihre Gründe dafür. Dass man ein Trinkgeld gibt (die Guides leben davon) war mir natürlich auch bekannt, nicht aber, dass unser Guide bereits 500 Meter vor Schluss ganz frech fragen würde, wo denn sein Geld bleiben würde, nur um sich dann auch noch dreist zu beschweren, wir sollen ihm doch das Doppelte geben, wir Weißen würden doch schließlich so viel Geld haben. Nach dieser kurzen unschönen Begegnung und nachdem wir die beiden Jungs, die den Ausflug übrigens sehr genossen hatten, wieder in ein Tro nach Hause gesetzt hatten, haben Theresa und ich uns (als Beifahrer) auf ein Motorrad geschwungen, das einzige Fortbewegungsmittel wenn es um Holperpisten und schwer zu erreichende Orte geht, und wurden endlich zum Fuße unseres Berges gekarrt. Die Fahrt dahin war so unbeschreiblich toll, parallel zu den „Bergmassiven“ (oder eher „Hügelmassive“, aus Bayern ist man dann doch etwas anderes gewohnt?) dahinzubrausen, den Fahrtwind um die Ohren und die kleinen Hütten am Straßenrand, die an einem vorbeiziehen – das war wieder einmal einer der vielen kleinen Glücksmomente, die ich hier in Ghana bereits erleben durfte.

Wli-Waterfalls typisch bunt ghanaisch - und typisch ghanaisch liegengeblieben

Zu meiner riesigen Freude eröffnete uns die Dame im Office mit ihrer Frage, ob wir einen Guide bräuchten, die einmalige Möglichkeit, endlich mal etwas alleine in der ghanaischen Kultur zu erleben, sodass wir dankend, aber ohne zu zögern, verneinten. Der Weg war nicht schwer zu verfehlen, es ging einfach nach oben. Und so, wie das klingt, war es auch. In den Berghang waren natürliche Stufen geschlagen, sodass wir über diese Erdstufen, immer den Hang entlang bergaufwärts, den Riesen erzwingen konnten. So einfach das jetzt auch klingen mag - glaubt mir, das war es nicht. Ganz und gar nicht. Ich wusste wirklich nicht, dass zwei Menschen innerhalb eineinhalb Stunden so viele Verwünschungen und Flüche aus ihrem Repertoire kramen können, welche nur immer von Gestöhne oder Trinkpausen unterbrochen wurden. Gegen Ende nahm das Ganze dann ab, da Reden einfach viel zu anstrengend geworden war und man auch ab und an eine der seltenen Gelegenheit nutzen und einfach nur stumm die wunderschöne Umgebung bestaunen musste. So atemraubend der Weg aber auch war, mindestens genauso atemberaubend war die Aussicht, die uns oben erwartete. Auch wenn die Bergspitze nicht die höchste in der Umgebung war, war es einfach unbeschreiblich. Ich kann es wirklich nicht gut genug beschreiben… wir waren irgendwie nicht über allem anderen, als wir da keuchend aber stolz standen, sondern eher mittendrin. Und trotzdem sah das Dorf am Fuße des Berges wirklich winzig aus und die braunen Straßen erstreckten sich bis zum Horizont. In dem Moment war ich wieder einmal komplett im Ghana-Modus und habe es einfach nur genossen.

Auf geht´s! Endlich am Gipfel angekommen Was eine Aussicht!

Der nächste Tag führte uns nach Hohoe, eine Stadt, in der die meisten Hotels für uns Backpacker eindeutig zu teuer waren (Hotelbesitzer aktualisiert mal bitte eure Homepages und Reiseführer! Überall feste Preise stehen zu haben und dann vor Ort das Doppelte zu verlangen ist nicht besonders cool. Bei sechs verschiedenen Nummern, von denen keine funktioniert, kann man hier nämlich leider auch nicht einfach mal anrufen und nachfragen)  und das letzte, welches uns mit 36 Zimmern eine sichere Anlaufstelle zu sein schien, war mit einem Lehrerausflug ausgebucht, konnte uns aber zum Glück immerhin noch ein kleines Dorm anbieten, halleluja! Nachdem die Hotelsuche so ein Flop war, hatten wir zumindest mit dem ausgesuchten Restaurant den absoluten Glücksriecher! Nicht nur, dass die Burger besser als so mancher deutsche Kollege waren, nein, Achtung, haltet euch fest: es gab sogar Salat! Ich habe einen richtigen, grünen, leckeren Blattsalat gegessen. Mit Dressing!! Wer glaubt denn sowas?! Ebenso erfolgreich wie die Abende im Restaurant war auch unser Ausflug zum Mount Gemi, auf den der Weg wirklich nur ein Spaziergang war im Gegensatz zu unserer anderen Tour. Dafür war der Ausblick wieder einmal grandios, wir konnten Dank guten Wetters bis zum Voltasee und wieder zurück schauen. Das Gipfelkreuz mussten wir uns leider mit Horden an Insekten teilen, weswegen dieses leider auf einen Kontakt mit uns verzichten musste. Auch mein Vorhaben, einem kleinen Weg hinter dem Kreuz zu folgen, endetet nach fünf Sekunden mit einem wild um mich fuchtelnden Sprint zurück, bei dem ich Theresa durch lautes „Mmh!“-Gemache auf meine Verfolger aufmerksam machen wollte. Sprechen war nicht drin, ohne Gefahr zu laufen, mehr Eiweiß und Chitin zu mir zu nehmen, als für den Tagesbedarf nötig ist.

On Top of the Mount Gemi Sogar mit Gipfelkreuz Und mit einer unglaublichen Aussicht!

Obwohl ich von Bergluft und der Voltaregion (offiziell jetzt einer meiner Lieblings-Teile Ghanas) niemals genug bekommen könnte, beschlossen wir, die letzten Tage zum Sonne und Kraft tanken ans Meer zu fahren. Und so ging es in einer neunstündigen holperigen Schlagloch-Fahrt ab ins altbekannte Cape Coast. Aber selbst hier wurde nicht nur komplett faul rumgefläzt, sondern natürlich noch die wirklich interessante (ja, sogar für mich Geschichts-Muffel) Führung durch das imposante Cape Coast Castle mitgenommen, das für seinen Sklavenhandel bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts auch heute noch weitbekannt ist.

Hello Cape Coast. In der Festung

Mit Hängematten und Duschen unter Palmen, Sand an den Füßen und der Gischt des ziemlich wilden (und leider vermüllten) Meeres im Gesicht musste sich Theresa schon bald darauf bereits wieder von Ghana verabschieden, für sie ging es nach den vergangenen 12 Tagen zurück nach Deutschland.

Während sie dort ins Altbekannte (und zum guten Essen) zurückkehrte, erwartete mich ein mittelgroßer Schock, als ich nach Hause nach Suhum kam. Während Patricia mich nämlich fröhlich Waakye verkaufend vor dem Haus begrüßte, war ihre sonst so vollgekruschtelte, immer ein klein wenig dreckige, aber dennoch wundervolle Küche komplett ausgeräumt. Eine böse Vorahnung im Bauch spähte ich also auch in ihr Zimmer, aus dem mir eine Matratze und ein einsam im Raum stehender, verstaubter Fernseher traurig entgegenblickten. Ich hatte ja bereits gewusst, dass Patricia und Collins von unserem Landlord rausgeschmissen wurden, da dieser das Haus für sich und seine angeblich ach so große, allerdings noch nie gesehene Familie benötigen würde (Ich darf wohl die Zeit, die ich noch hier bin, in meinem Raum bleiben, da dieser das Gästezimmer sein soll, was nicht unbedingt benötigt wird). Allerdings war damals noch von ein oder zwei Monaten die Rede gewesen. Nicht von Wochen!!!

Meine aufkommende Panikattacke konnte ein klein wenig besänftigt werden, als ich erfuhr, dass sie nun einen kleinen Raum auf dem gleichen Hof, wo Martha wohnt, bezogen haben, das Gefühl, hier zu wohnen, ist jetzt trotzdem nicht mehr das Gleiche. Aber im Grunde bin ich einfach nur froh, dass ich sie weiterhin jeden Tag sehen kann und hätte mir jemand früher gesagt, ich würde mich freuen, wenn ich von ihrem Geschrei am Morgen geweckt werden würde, dann hätte ich denjenigen definitiv für verrückt erklärt. Unter den neuen Umständen bin ich aber einfach nur glücklich, dass sie sich vom Landlord nicht unterkriegen gelassen, ihren Kram gepackt hat und jetzt einfach auf der anderen Seite des Weges, nur nicht mehr auf dem Grundstück des Mannes, ihr Waakye verkauft. Absolute Powerfrau und ein riesen großes Vorbild in so vielerlei Hinsicht!

Nachdem Ostern bei mir in der Familie übrigens so gut wie gar nicht gefeiert wurde (nur beim Besuch der Kirche wurde sich mit dem Osterthema befasst) habe ich den Rest der Ferien viel mit meiner Familie und den Nachbarskindern verbracht, welche für die Ferien immer nach Hause nach Suhum kommen, während sie zu Schulzeiten in größeren Städten zur Schule gehen. Die Tage waren voll mit Gelächter, Geheule, Getröste und Gespiele, was ich zwar sehr genossen, mir jetzt am Ende aber doch noch einmal zwei Tage Pause gegönnt und eine Freundin in ihrem Waisenhaus-Projekt in Begoro besucht habe. Da dort in den Ferien auch eher Schonprogramm angesagt ist, waren es zwei wunderschöne, total entspannte Tage mit viel Gelächter, Kartenspielen und Gesprächen, was mir persönlich sehr, sehr guttat (Aus Begoro stammt übrigens auch die Monster-Mango, die ich gerade verputzt habe?).

Der Kinder-Gottesdienst war nicht ganz so spannend ;) abendliche Selfies 1 Abendliche Selfies 2

Gestern hatte ich dann wieder einmal einen Marmeladenglas-Moment, als ich mit Professor den ganzen Abend lang durchgelacht und gespielt habe. In solchen Momenten, in denen er sich erst vor lauter Freude auf dem Boden herumkugelt, mich dann aus vollem Herzen anlacht und mir zu guter Letzt seine kleinen Ärmchen um den Hals schlingt, weiß ich wirklich nicht, wie ich im August ohne dieses kleine nervtötende aber doch so liebenswürdige Kerlchen nach Deutschland zurückfliegen soll.

Aber darüber kann ich mir die nächsten dreieinhalb Monate noch zur Genüge Gedanken machen, jetzt heißt es erst einmal: Ghana genießen, Marmeladenglas-Momente sammeln und fleißig Regentänze aufführen, damit endlich mal die Regenzeit beginnt!

PS: Es tut mir übrigens wirklich leid, dass die Beiträge so unregelmäßig kommen und dabei auch noch immer viel zu lang sind. Ich versuche das ernsthaft noch auf die Reihe zu kriegen für die verbleibenden Monate! Aber diesen Eintrag wollte ich gerne noch loswerden, bevor die Schule und damit der Alltag wieder anfängt.

Freitag, 03.05.2019

Essen in Ghana - Abendessen

Als „Abendessen“ zählt bei mir alles, was warm und herzhaft ist und keine Bohnen beinhaltet ?.

Während ich also in meiner Gastfamilie immer abends warm esse, können die folgenden Gerichte natürlich genauso gut zu jeder anderen Tageszeit eingenommen werden. Und natürlich gibt es nicht nur die paar Gerichte, die ich jetzt hier aufführen werde, aber ich dachte, das sind zumindest so die „Interessantesten“ und Wichtigsten in meinem persönlichen Ghana-Leben (im Norden variieren die Gerichte zu denen im südlichen Teil sowieso nochmal).

Ich glaube, man kann ganz grob sagen, dass Yamswurzeln, Cassava (Maniok), Mais und Plantains (Kochbananen) die Hauptbestandteile von jeglichem ghanaischen Essen sind. Reis und Nudeln ausgenommen, versteht sich. Aus diesen drei verschiedenen Pflanzen/Früchten lässt sich sowohl Fufu, Banku, als auch Kokonte, Kenkey oder jegliche andere ghanaische „Kloßart“ herstellen.

Während Kokonte (getrockneter Cassava mit Wasser und Salz vermischt) und Kenkey (gegorener Mais mit Wasser) nicht auf der Liste meiner üblichen Abendessen stehen (worüber ich sehr froh bin – Kenkey schmeckt ganz genauso wie sein Inhalt klingt), stellen Fufu und Banku inzwischen einen täglichen Begleiter meiner Ghanazeit dar, weswegen ich sie in diesem Eintrag auch ein klein wenig würdigen möchte.

 

Fufu

Wohl wirklich in jedem Ghana-Buch und Reiseführer als DAS traditionelle Gericht schlechthin beschrieben, kann ich die starke Präsenz des Fufus in der ghanaischen Kultur aus vollem Herzen bestätigen. Obwohl es ziemlich (kraft-)aufwändig in seiner Herstellung ist, gilt es doch bei den meisten Leuten hier als eine der meist und am liebsten gegessenen Mahlzeiten. Inhaltlich besteht Fufu wirklich nur aus Plantains und Yams (oder manchmal auch Plantain und Cassava), welche man zuerst schält und wäscht und anschließend alles in kleine Stücke schneidet, wobei noch der innere harte Strunk des Yams entfernt werden muss. Mit einem scharfen Messer ist dieser Part der Zubereitung auch kein Problem, da solch ein Schneidewerkzeug hier allerdings Mangelware ist, gestaltet sich das Zerkleinern immer als ein einziger Kraftakt, aus dem man so gut wie nie ohne Blasen an den Fingern herausgeht (zumindest, wenn man kein Ghanaer ist). Hat man das dann aber geschafft, kommt alles in einen Topf und wird weichgekocht, bevor es an den entscheidenden Part des Fufus kommt: Das „Pounden“, also das Stampfen von Yams und Plantains.

Hierfür wird eine große hölzerne Mörserschale verwendet, in welche eine Person jeweils kleine Stücke Yams bzw. Plantains legt, die daraufhin von einer zweiten Person mit einem hölzernen Stampf-Stab zerstampft werden, bis ein geschmeidiger Klumpen entstanden ist, der von der Konsistenz her fast wie festerer Kuchenteig ist. Damit sich das Ganze aber überhaupt erst so schön bindet, besteht die Aufgabe der ersten Person zusätzlich darin, den Kloß immer wieder „umzudrehen“. Hierfür fährt man mit einer nassen Hand von der Seite unter den Teig und dreht ihn so ein, dass die Unterseite nach oben kommt. Durch das darauffolgende Stampfen wird somit alles gut miteinander durchmischt und miteinander verbunden. Dieses Spiel von Stampfen und Stücke reinlegen, bzw. Drehen geht jedoch in solch einem rasanten Tempo vonstatten, dass ich jedes Mal total Angst um die Finger der ersten Person habe und ich diese immer schon abgequetscht unter dem Mörser liegen sehe ?.

Einige starke Frauen bereiten Fufu komplett alleine zu, die meisten holen sich allerdings Hilfe von einem Mann, der den Teil des kraftaufwändigen Stampfens übernimmt, während die Frau das Legen und Drehen des zukünftigen Fufus übernimmt. Wenn man dieses harmonische Zusammenspiel das erste Mal sieht, mag man vielleicht noch denken, dass das doch gar nicht allzu schwer sein kann. Hat man dann aber selbst einmal den Stampfer in die Hand genommen, um sein Können unter Beweis zu stellen, wird man schnell feststellen, was man so alles falsch machen kann beim Fufu stampfen. Sei es, dass man einfach nicht genug Kraft in den Armen hat, um über längere Zeit einen schweren Holzstab auf und ab zu führen oder aber, dass es nicht so einfach ist wie es scheint, den Stab immer mit demselben Tempo exakt an die selbe Stelle der Schalenmitte zu rammen (was schnell gefährlich für die Hände der anderen Person werden kann) – ohne viel Übung geht da reichlich wenig.

Gekochte Plantains und Yams werden gestampft Für Restaurants gibt es das Ganze in etwas größer..

Wenn es denn dann fertig ist, wird es gemeinsam mit einer Suppe und Fleisch oder Fisch in einer Schüssel serviert und mit den Händen, ohne es zu kauen, heruntergeschluckt.

Als Suppen werden meistens Lightsoup (Tomatensuppe), Palmnutsoup (wie der Name bereits vermuten lässt: aus Palmnuts) oder aber Groundnutsoup (wichtiger Bestandteil: Erdnussbutter) dazu serviert.

selbst zubereitete Lightsoup Fufu mit Lightsoup und Hühnchen Fufu mit Groundnutsoup und Ei

Während meine Lieblingssuppe zum Fufu die Lightsoup ist, schmeckt mir die Groundnutsoup am besten zu Banku.

 

Banku

Banku ist ein Gemisch aus getrocknetem Cassava- und Maispulver, wobei diese, vermischt mit ein wenig Salz, zuerst durch Kneten in Wasser aufgelöst und anschließend unter Rühren aufgekocht werden. Auch wenn es nicht ganz so aufwändig wie Fufu ist, ist Banku doch auch eine Nummer für sich, da es nach kurzer Zeit sehr zäh und somit ziemlich schwer zum Rühren wird. Allerdings wissen sich die ghanaischen Frauen auch hier gut zu helfen: die Füße auf zwei, an den Henkeln eingehakten, Eisenstangen positioniert, kann sich der Topf nicht mehr bewegen und der Rührstab kann nach Leibeskräften geschwungen werden. Wichtig hierbei: Bloß keine Klümpchen entstehen lassen!

Erst alles gut vermengen... ...und dann kräftig rühren!

Ist das Banku fertiggekocht, kommt der Teil des Abfüllens. Während man Fufu relativ schnell essen sollte, kann man Banku nämlich gut und gerne bis zu zwei Wochen aufbewahren. Hierfür braucht man kleine Plastiktüten (Frischhaltebeutel), eine kleine Schüssel und eine Truhe oder Kiste zu Aufbewahren. Die Tüten werden zuerst an einer Längsseite aufgerissen, über die Schüssel gestülpt und somit ein Ball Banku aus dem Topf geschöpft. Die Enden der Tüte werden dann gut eingedreht und das ganze Paket im Anschluss mit der eingedrehten Seite nach unten in die Box gelegt, damit auch ja alles schön dicht bleibt.

Banku kann man aber nicht nur mit Groundnut- sondern auch mit Palmnutsoup, sowie Okru-, Gardeneggstew oder Pepper (Tomaten-Zwiebel-Chilli-Mix) und Fried Egg genießen. Köstlich ist auch Tilapia, ein Süßwasserfisch, anstatt des Fried Eggs. Ebenso wie Fufu wird es mit der Hand und ohne zu kauen gegessen, wobei man es auch gut und gerne noch ein wenig im Mund zerquetschen kann, wenn man den Geschmack mag ?.

Tilapia mit Pepper und Banku Banku mit Groundnutsoup

Ich weiß noch, das erste Mal, dass ich Banku probiert habe, war an unserem allerersten Seminar in Accra, kurz nach der Ankunft. Einer unserer Mentoren hatte sich Banku als Abendessen bestellt und hat mich und zwei, drei andere Freiwillige probieren lassen. Gleich danach sind wir erstmal zu den anderen gelaufen und haben diesen erzählt, wie ekelhaft dieses Ding, was sich Essen schimpft, war und dass die Menschen hier echt komische Geschmäcker haben. Tja, was soll ich sagen? Heute bin ich selber eine mit diesem komischen Geschmack und Banku zählt zu den Dingen, die ich wirklich immer richtig gerne esse.

Die Leute hier machen Banku hauptverantwortlich für ihre dicken Hinterleiber, sowie jegliches anderes Gramm Fett, das zu viel am Körper ist. Bei der Zusammensetzung dieses Gerichts kann das aber auch gut stimmen und nach acht Monaten Banku-Konsums würde ich diese Hypothese auch sofort so unterschreiben ?.

 

Während Fufu und Banku ja jeweils aus mehreren Bestandteile hergestellt werden, kann man ihre Inhaltsstoffe natürlich auch jeweils als einzelne Nahrungsmittel zubereiten. So kann man sowohl Plantains als auch Cassava und Yams sehr gut in frittierter Version essen, wobei die letzten beiden dann hinterher in Pepper gedippt oder im Restaurant auch mit Ketchup und Mayo serviert werden; Yams und Plantains wiederum werden des Öfteren auch gekocht und mit jedem beliebigen Stew gegessen. (Aber Achtung: Es gibt verschiedene Arten von Plantain – die großen „roten“ werden frittiert, die kleinen „grünen“ sind die, die man kocht.)

Yams mit Kontombre-Stew Zum Reis gibt es ab und zu auch Fried Plantains dazu

Darüber hinaus ist es natürlich auch kein Geheimnis, dass in Afrika viel Reis gegessen wird - da bildet auch Ghana keine Ausnahme. Von Plain-Rice (normal gekocht) und Oil-Rice (in Öl gekocht) über Jollof-Rice (mit Fleisch in Tomatensoße gekocht) bis hin zum fried Rice (nach Kochen gemeinsam mit Gemüse angebraten) ist wirklich alles dabei. Der Kreativität sind hierbei keinerlei Grenzen gesetzt und dennoch sind die meisten Ghanaer nicht sonderlich experimentierfreudig und offen, wenn es um neue Gerichte geht. So hatte ich bei mir in der Familie schon sehr früh alle Gerichte einmal durch und vom „Aufwändigkeitsgrad“ der Zubereitung abhängig bekomme ich diese jetzt immer mehr oder weniger regelmäßig abwechselnd aufgetischt. Zum Glück ist Martha aber eine gute Köchin, sodass wirklich alle ihre Gerichte vorzüglich schmecken und ich noch nie etwas auszusetzen hatte – mit einer Ausnahme: Es war Banku-Tag, ein paar Minuten zuvor erst gemeinsam frisch zubereitet und dazu gab es Okru-Stew. Soweit so gut, esse ich auch echt gerne. Eigentlich. An diesem Tag gab es nämlich als Besonderheit zusätzlich zu dem gewöhnlichen Fisch noch eine große Krabbe. Als ich Martha dann gefragt habe, wie sie denn die Krabben hier essen, hat sie mich ganz seltsam angeschaut, meinte: „Na, einfach essen?“ und hat sich als Demonstration eine Schere in den Mund gesteckt. Da mein Vorsatz hier ist, immer alles erst einmal zu probieren, bevor ich mir ein Urteil erlaube, habe ich also wohl oder übel diese Krabbe gegessen.  Komplett. Mit allen Beinchen, Scheren, dem Panzer, den Augen… mit allem Drum und Dran. Hinterher muss ich aber sagen, dass die Beine zwar sehr lecker knusprig und die Scheren auch noch in Ordnung waren (wenn gleich auch sehr schwer zum Beißen), der Körper allerdings fast einen Würgereiz bei mir erzeugt hat. Es war gar nicht unbedingt, dass sich Teile des Panzers zwischen den Zähnen verkeilt hatten, sondern vielmehr die dunkle Körperflüssigkeit, deren vollständige Süße mich überfallen hat, als ich mich endlich dazu überwunden hatte, doch in diesen Hauptteil reinzubeißen. Es war wirklich widerlich für mich und jeder Biss musste mit doppelter Menge Banku einhergehen, um den Geschmack ansatzweise zu überdecken. Also auch wenn das Essen an sich lustig war, musste ich Martha am folgenden Tag die nächste aufgetischte Krabbe doch wieder zurückgeben. Nachdem ich wusste, was auf mich zukommen würde, konnte ich mich leider nicht noch einmal dazu überwinden?.

Banku, Okrustew und die Krabbe

Dienstag, 02.04.2019

Essen in Ghana - Frühstück

So, jetzt widmen wir uns aber mal dem eigentlich geplanten Blogeintrag, dessen Thema wohl jeden Menschen beschäftigt, ob er will oder nicht: Essen.

Anfangs war das ghanaische Essen mehr als exotisch für mich, inzwischen habe ich mich aber an Fufu und co. gewöhnt und finde es nun irgendwie nur noch viel „einfacher“ als europäisches Essen. So gibt es zum Beispiel keinerlei Milchprodukte auf dem Markt zu kaufen, Milch generell gibt es schon, ist aber für Ghanaer sehr teuer, weswegen im Normalfall wenn dann auf Kondensmilch zurückgegriffen wird. Und sollte man in den ghanaischen Groß-Supermärkten doch mal ein Stück jungen Gouda finden, kann man für 100g schonmal gut und gerne 25 cedi (ca. 4€) hinblättern. Kühe, die man aber eher selten sieht, gelten auch nur als Fleischlieferant - dasselbe gilt für Ziegen und Schafe. Fleisch ist allerdings auch nicht sonderlich billig und wer gute Qualität haben möchte, muss selber schlachten oder aber gute Beziehungen haben. Um das Fleisch und den Fisch vom Markt mache ich bereits seit der ersten Woche gekonnt einen großen Bogen, da auf den Tischen in der Hitze dort mehr Fliegen als Fleisch herumschwirren und Kühlung leider absolut nicht möglich ist für die Marktfrauen. Und nachdem ich gesehen habe, mit welch nicht vorhandener Hygiene es beim „Metzger“ (überdachte Stände, in denen undefinierbare Fleischbrocken mit bloßen Händen auf Holztische gepackt und mit dem Beil zerkleinert werden) zugeht, bei dem auch Fleisch, das ausversehen auf dem Boden (ghanaischer, nicht deutscher Boden) gelandet ist, wieder in die Tüte zum Verkauf gepackt wird, ist es mir nicht sonderlich schwer gefallen zum Teilzeit Vegetarier zu werden. Patricia, meine Nachbarin, kauft den Fisch zumindest immer beim einzigen Kühlhändler in Suhum, wo er tiefgefroren gelagert wurde und gebraten tatsächlich ganz gut schmeckt. Soweit, sogar die Gräten zu essen, wie es die Leute hier machen, bin ich dann aber doch noch nicht, Martha hat es mir sogar verboten, da ich nicht daran gewöhnt bin und die Gefahr zu groß ist, dass die Gräten in meinem Hals stecken bleiben.

Was man neben Milchprodukten ebenfalls nicht oft zu Gesicht bekommt, ist frisches Gemüse. Mal ein paar Zwiebeln und Tomaten zerkocht in der Soße, das schon. Aber Mahlzeiten, bei denen Gemüse einen Hauptbestandteil ausmacht, wie eine Gemüsepfanne oder auch nur gekocht/gedünstet als Beilage habe ich hier tatsächlich noch nie gesehen. Von Salat fange ich gar nicht erst an. Klar, Ausnahmen bestätigen die Regel, aber die Currypfanne mit viel Gemüse oder aber auch mein Rohkost–Salat (ohne eigentlichen Salat...) wurden schon ziemlich argwöhnisch betrachtet. Generell habe ich das Gefühl, dass für viele Ghanaer gilt: Hauptsache es macht satt. So wird sehr viel auf Getreideprodukte gesetzt: Es gibt viel Reis, aber auch typische ghanaische Gerichte wie Banku sind pures Getreide.

Ich habe einige Gerichte zusammengetragen, die in den letzten sieben Monaten meinen Weg in Ghana gekreuzt haben und von denen die meisten anders sind als irgendetwas, was ich jemals zuvor gegessen habe, selbst wenn man Ähnliches in Deutschland finden kann. Klar gibt es noch unendlich mehr Mahlzeiten und Variationen, die ich hier nicht alle aufzählen kann, bzw. auch noch nicht entdeckt habe, aber sowohl beim Frühstück, als auch beim Mittag-/Abendessen sowie den Snacks haben sich doch einige Dinge in meinen Alltag integriert, von denen ich manche am liebsten mit nach Deutschland nehmen würde, so lecker wie die sind.

In diesem Eintrag (dem ersten von drei geplanten) widme ich mich der für mich wichtigsten Mahlzeit am Tag: dem Frühstück.

Während sehr viele Ghanaer herzhafte Gerichte bereits am Morgen bevorzugen (wenn sie überhaupt richtig frühstücken), habe ich so gesehen Glück gehabt, denn Martha ist selber eine Süßes-Frühstück-Liebhaberin. Während meine Gasttante also jeden Morgen den Reis vom Vortag isst, bekomme ich immer eine Brei-Variation, zu der ich mir dann noch ein Stück Sugar-Bread (süßes Weißbrot nach Milchbrötchen-Art) kaufe. Im Hause Martha Mensah gibt es für deutsche Freiwillige drei verschiedene Frühstücksbreie, die sich mehr oder weniger regelmäßig abwechseln. Hier aufgelistet in meinem persönlichen Ranking von „nicht ganz so lecker“ bis hin zu „Lieblingsbrei“:

Da wäre einmal das Porridge, was sehr der deutschen Variante von Haferflocken mit Wasser aufgekocht ähnelt und für den Rest des Tages anhält, dafür aber sehr großen Durst erzeugt, da es ohne Zucker (der bei mir in jeden Brei kommt) eher salzig ist.

Hafer-Porridge mit Sugarbread

Das nächste Frühstück ist Reis-Wasser, was man wohl ein wenig mit Milchreis ohne Milch vergleichen kann. Der Reis wird einfach ziemlich lange mit viel Wasser gekocht, ein bisschen gesüßt und dann wieder zu dem Brot gegessen.

Reiswasser mit Brot

Der letzte Brei ist eigentlich auch der einzig wirkliche Brei und gleichzeitig mein Lieblingsfrühstück. Es nennt sich „Unimix“ und ist ein Gemisch aus Reis, Sojabohnen, Erdnüssen und Mais - alles gemahlen. Diese Mischung in Wasser aufgekocht ergibt dann einen braunen Brei, der auch Babys sehr gerne gefüttert wird und mit ein wenig Zucker wirklich sehr lecker ist! (Allerdings nicht zu verwechseln mit "Tom Brown", einem ähnlichen Brei, der als Grundlage aber nur aus Mais besteht.)

Unimix - schmeckt sehr viel besser als es aussieht!

Neben diesen drei Varianten meines Frühstücks gibt es auch noch eine vierte, die aber meistens nur dann herangezogen wird, wenn Martha am Morgen absolut keine Zeit (oder Lust) hat, irgendetwas zuzubereiten: Milo. Milo von Nestlé ist DAS Morgen-Getränk schlechthin hier in Ghana (neben Nestlé-Kaffee) und ist einfach ein Kakaogetränk, zusammengesetzt aus Schokoladen-, Malz- und Milchpulver, was man, wie man das bei Kakao eben so macht, mit heißem Wasser aufschüttet. Ist zwar lecker, hält aber leider nicht sonderlich lange an und ist somit nicht unbedingt mein Favorit am Morgen.

Milo

Da aber wie bereits gesagt sehr viele Leute hier gerne herzhaft frühstücken (ich ab und zu dann doch auch, wenn Martha noch Reis vom Vortag und keine Lust zum "kochen" am Morgen hat), weil dieses dann auch sehr lange anhält, habe ich euch im Folgenden noch zwei warme herzhafte Mahlzeiten beschrieben, die man wirklich überall in Ghana zum Frühstück finden kann und die mir persönlich auch unglaublich gut schmecken!

Red-Red

Red-Red ist ein Gericht, das aus zwei Hauptteilen besteht: Zum einen aus frittierten Plantain (Kochbananen), zum anderen aus Bohnen. Außerdem packen die meisten Leute noch Gari dazu, was im Grunde einfach nur getrockneter, zerbröselter Kassava ist und zur Andickung der Bohnen-Matsche dienen soll.

Klingt erstmal vielleicht nicht ganz so lecker, ist in Wahrheit aber absolut köstlich! Die Kombination aus süß und herzhaft ist bestimmt nicht für jedermann was, aber wer sowas mag, der fährt auch ganz sicher auf Red-Red ab! Übrigens werden alle Fried Plantain vor dem Frittieren in leicht salziges Wasser gelegt, sodass sie hinterher einen ganz besonders leckeren Geschmack haben.

Red-Red wird häufig am Morgen gegessen (manchmal auch noch tagsüber) und gilt in Ghana eher nicht als Abendessen, da die Bohnen ganz schön schwer im Magen liegen können und es über Nacht mit der Verdauung dann schwierig werden könnte.

Red-Red

 

Waakye

Bei Waakye würde man wohl am ehesten von einer "Pampe" reden: Reis wird gemeinsam mit Bohnen so lange gekocht, bis eine gemeinsame Masse entstanden ist. Die rote Farbe dieses Gemischs kommt von den namensgebenden Waakye-Leaves, die einen Abend vorher mit Salz in Wasser eingelegt werden, welches dann den Geschmack sowie die Farbe annimmt und in dem am kommenden Morgen die Bohnen und der Reis gekocht werden. Im Laufe des Tages verkocht/verdunstet das restliche Wasser aus dem Gericht, sodass Reis und Bohnen dann wirklich eine einzige Pape bilden. Anders kann man das einfach nicht nennen.

Man kann Waakye pur essen, man hat aber auch die Möglichkeit, alle erdenklichen „Toppings“ zu nehmen. So gibt es immer gekochte Eier, Nudeln, Fisch, Wellé (Kuhhaut) oder Gari, zwischen denen man wählen kann und welche jeweils einen festen Preis haben, der dann zu dem Grundpreis des Reis-Bohnen-Gemischs hinzuaddiert wird. So kann man zum Beispiel Waakye für 1,5 Cedi nehmen, möchte dann noch ein Ei für 1 Cedi, Nudeln für 0,5 Cedi, sowie Fisch für 1 Cedi. Zum Schluss kommt immer noch Tomatostew, sowie Shito über das Ganze (ohne Aufpreis). So zahlt man am Ende für das Gesamtpaket 4 Cedi und wird für den Rest des Tages pappsatt.

Auch hier gilt wie bei Red-Red: wegen der Bohnen eher ein Frühstück als Abendessen, aber auch tagsüber findet man noch viele Waakye-Stände auf der Straße. Ich selber habe das Privileg, dass meine Nachbarin jeden Morgen Waakye vor dem Haus verkauft, weshalb man ab sechs Uhr zwar ihre „Waaaaaakyeeeeee“-Rufe (damit macht sie ihr Umfeld auf das fertige Essen aufmerksam, damit die Leute wissen, ab wann, bzw. ob es noch Waakye zu kaufen gibt) durch die ganze Siedlung und bis in mein Bett hören kann, dafür bekomme ich aber, wenn ich Lust und Hunger darauf habe, das Essen immer kostenlos!

Noch ganz frisches Waakye Am späten Vormittag haben sich Reis und Bohnen durch das verdunstete Wasser stärker gebundenWaakye mit Stew, Shito und Ei

Neben diesen Gerichten gibt es natürlich aber auch noch viele Kleinigkeiten wie zum Beispiel „Egg and Bread,was einem Gemüse-Omelett in Brot entspricht, das dann wiederum nochmal kurz in der Pfanne angebraten wird, oder aber auch „Koko“, ein flüssiger Hirse-Brei, zu dem man aus Bohnenmehl gebackene Bällchen, sogenannte „Kossaï“, isst. Während ich Egg and Bread einfach wirklich immer essen kann, habe ich Koko zwar auch schon probiert, leider ist diese Art von Frühstück bei mir persönlich aber durchgefallen. So Dinge wie die beiden zuletzt genannten kann man auf dem Weg zur Arbeit an jeder Straßenecke kaufen und dann noch schnell als guten Start in den Tag verspeisen.

Kosai und Koko

Sonntag, 24.03.2019

Spontaner Ausflug

Da möchte ich seit Jahren ins Fußballstadion und dann muss ich erst nach Ghana fahren, um diesen Traum wahr werden zu lassen.

Während unseres Halbzeitseminars in Accra hatte ein Freiwilliger die Idee, zu dem Gruppenqualifikationsphase für den “African Cup of Nations” zwischen Ghana und Kenia zu gehen.

Was haben wir uns alle gefreut, als unser Mentor uns die Erlaubnis gegeben hat! In Deutschland wäre so ein Programmwechsel auf Seminaren nicht auszudenken, aber dank Ghanas Flexibilität finden es die Betreuer nicht ganz so schlimm, wenn mal ein kompletter Nachmittag und Abend (für dieses Fussballspiel) drauf gehen.

Wir also am Samstagnachmittag mit dem Trotro los, das Dank uns 11 Leuten auch komplett voll war, sodass es uns direkt zum Stadion gebracht hat, ohne die ganze Zeit nervige Zwischenstopps einzubauen.

Bevor das Spiel dann aber losgehen konnte, war es natürlich unsere Pflicht, einige der absolut überteuerten Fanartikel zu kaufen, damit auch ja keiner auf die Idee kommen könnte, wir seien gegnerische Fans. Da wir uns  aber Plätze direkt hinter dem Fanblock ausgesucht hatten und dementsprechend schön mit eingeheizt haben, hatte spätestens da glaube ich auch keiner mehr Zweifel, zu welchem Team wir gehören ? die Fahnen und Schals wurden trotzdem fleißig geschwenkt!

Jetzt stellt sich die Frage: ist ghanaisches Fußball denn genauso wie deutsches? Natürlich nicht.

  • Es fing schon beim Ticketkauf an: ein Ticket für ein Länderspiel, bei dem es um was geht, kostete hier 5 bzw 10 Cedi. Das sind 1€ und 2€. Für ein Länderspiel. Aber für Ghanaer trotzdem eben nicht ganz so wenig Geld.
  • Nicht wirklich überraschend, gab es auch keine Bratwurst oder Bier im Plastikbecher vor dem Spiel zu kaufen, man hielt sich eher an Fleischspieße und Popcorn.
  • Die Sicherheitskontrolle bestand aus zwei Frauen und zwei Männern, die die Flasche in deiner Tasche angehoben, kurz drunter geplinst und dich dann durchgelassen haben. Hatte man keine Tasche, wurde man sofort weitergelassen. In Deutschland wohl eher undenkbar.

Im Stadion selber war ich dann überrascht, wie viele Leute doch gekommen sind, um sich das Spiel anzugucken. Spätestens bei Anpfiff waren fast alles Ränge voll und das Stadion umfasst immerhin 40.000 Plätze. Da war ich schon ziemlich beeindruckt!

Das lustige war, dass es hier in Ghana natürlich wieder nicht die technischen Möglichkeiten gibt wie in Deutschland, selbst im Stadion nicht. Klar gibt es schon auch Kameras und sogar eine Anzeigetafel, aber wenn zwei Männer am Anfang des Spiels eine Handwalze übers Feld schieben, um Unebenheiten auszugleichen, ist das schon irgendwie witzig ?

Tja und dann während des Spiels wurde natürlich fleißig die Stimmung angekurbelt, das hat so unglaublich Spaß gemacht! Allerdings auch hier wieder auf ghanaische Art und Weise mit Handtrommeln, Trompeten und ghanaischen Gesang. Letzteres war für uns dann doch eher ein wenig schwierig korrekt mitzumachen, wenn die Tonlage des Gesungenen allerdings einigermaßen gestimmt hat, hat es auch keiner der ghanaischen Fans gemerkt, dass der Text, den ich dazu gesungen hatte, nicht ganz so ghanaisch war ?.

Am Ende hat Ghana sogar 1:0 gewonnen, Torschütze war Jeffrey Schlupp, ein deutsch-ghanaischer Spieler, der in Hamburg geboren wurde. Na wenn das mal nichts damit zu tun hatte, dass wir an dem Tag da waren ?.

Nachtrag: Jeffrey Schlupp war gar nicht der Torschütze, sondern Caleb Ekuban, ein italienischer Fußballspieler kamerunischer Abstammung. Im Internet stand leider für ein paar Tage die falsche Auskunft... Da mir die Korrektur jetzt aber mein Ende des Blogs versauen würde, bleibt der Eintrag so und es gibt nur diesen Nachtrag. Und außerdem war Jeffrey Schlupp auch ohne Tor richtig gut, deswegen darf er da erwähnt bleiben ?.

Deutsch--ghanaischer Fanclub Handrasenwalze

Samstag, 16.03.2019

...und die Zeit fliegt...

Ich habe den Schreckmoment, als ich gerade gesehen habe, wie lange mein letzter Eintrag schon wieder her ist, ehrlich gesagt eher als positives Zeichen angesehen. Dass die Zeit in den letzten Wochen so unglaublich schnell vergangen ist, ist für mich nämlich ein Indiz dafür, dass die Dinge hier mich voll im Griff haben, ich viel beschäftigt bin, dabei einiges erlebe und das Beste an dem Ganzen: dabei auch noch total zufrieden und glücklich bin.

Tatsächlich ist in den letzten Wochen so einiges passiert. Da der eigentliche neue Eintrag aber gar nicht über die vergangenen eineinhalb Monate gehen soll (So spannend waren sie dann auch wieder nicht, da hauptsächlich Schulalltag war), ich aber trotzdem gerne alles auf dem aktuellen Stand haben möchte, hier nur eine kleine Zusammenfassung der wichtigsten Dinge:

Vor zwei Wochen kamen mich meine Eltern, sowie mein großer Bruder hier in Ghana besuchen, denen ich, durch eine gemeinsame neuntägige Reise durch das Land, einen kleinen Einblick in meine vorrübergehend neue Heimat vermitteln konnte. Den letzten Tag der viel zu kurzen aber wunderschönen Zeit haben wir dann in Suhum verbracht, wo im Schnelldurchlauf alle wichtigsten Alltagspunkte, sprich Zimmer/Haus, Gastfamilie, Schule, Waisenhaus, die Stadt etc., abgeklappert und die vielen mitgebrachten deutschen Leckereien (haben sogar extra ein eigenes Fach in meinem Regal bekommen) im Zimmer abgeladen wurden. Leider hatten meine Eltern aber nicht mehr die Möglichkeit, meinen Mitbewohner kennenzulernen, womit wir auch schon beim nächsten Punkt wären.

Thilo hat nämlich seinen gesamten Freiwilligendienst in Ghana frühzeitig (ein halbes Jahr früher) abgebrochen und mich somit alleine in Suhum zurückgelassen. Was ich anfangs noch für eine mittlere Katastrophe hielt (ein halbes Jahr ganz alleine hier?!) hat sich im Nachhinein aber als das Beste entpuppt, was mir hätte passieren können. Nach seinem Abflug am 25.2. bin ich gleich am nächsten Tag produktiv geworden und habe neben neuen Vorhängen auch Kissen, sowie Matratzenbezüge besorgt, die farblich alle zu den dunkelroten Wänden in meinem Zimmer passen. Während ich jetzt im Stockbett unten schlafe, zieren die Kissen also auf der oberen Etage, zusammen mit den aufgehängten Fotos, mein selbsternanntes Sofa. Ist schon ganz angenehm, nicht mehr dauernd auf dem Boden sitzen zu müssen. Angenehm ist außerdem natürlich auch noch der Platz und die Zeit, von denen ich jetzt jeweils mehr für mich habe und die ich wirklich sehr zu schätzen gelernt habe. Abendliche Telefonate, für die man im Zimmer bleiben kann ohne jemanden zu stören, sowie sich einfach breit machen zu können wann immer man Lust dazu hat – das ist tatsächlich schon sehr, sehr schön. Die einzige Frage, die bei mir durch die ganze Umräum-Aktion aber aufgeworfen wurde, ist: Wie bitteschön ist es möglich, dass ich mein ganzes Zeug (Klamotten, sowie allerlei Krimskrams) anfangs in einem einzigen Regal unterbringen konnte, wenn ich jetzt sogar noch ein zweites, Thilos, Regal komplett damit füllen kann?! Diese Frage wird wohl leider für immer unbeantwortet bleiben und sollte doch noch die (unwahrscheinliche) Situation eintreten, dass ein zweiter Freiwilliger wieder nach Suhum kommt, werde ich als Bedingung stellen, dass er/sie ein eigenes Regal mitbringt – alles wieder in ein Regal zu stopfen ist nämlich leider ein Ding der Unmöglichkeit!

Thilos Abflug hat aber nicht nur Veränderungen in meinem Zimmer hervorgerufen. Dadurch, dass ich jetzt wirklich kein bisschen mehr an eine andere Person gebunden bin (klar konnte ich auch schon zuvor tun und lassen was ich wollte, aber man hat sich halt doch automatisch irgendwie ein klein wenig an den anderen angepasst), habe ich natürlich auch automatisch mehr Freiheiten, um genau das zu machen, worauf ich gerade Lust habe. Das bedeutet in meinem Fall, dass ich nach dem Abendessen immer noch für ein paar Stunden bei meiner Gastfamilie bleibe und entweder meiner Mama bei Haushaltsdingen helfe oder aber auch einfach den Babysitter für Prof und Nancy spiele, damit Martha noch auszustehende Dinge erledigen kann. Die beiden Kleinen machen derzeit unglaubliche Fortschritte in ihrer Entwicklung. Während Professor immer mehr redet und singt und auch seinen Englischwortschatz Stück für Stück erweitert, kann Nancy mit ihren sechs Monaten bereits (mit Hilfe) stehen, zieht sich auch schon selber an Dingen hoch und möchte auch gefühlt den ganzen Tag über nichts anderes machen. Generell hat sich das Verhältnis zu der Familie noch deutlich intensiviert in den Tagen, die ich jetzt alleine bin und gerade mit Martha habe ich mich das ganze halbe Jahr zuvor noch nie so gut verstanden wie im Moment. Ich hoffe inständig, dass das jetzt von Dauer ist und noch lange anhält! Aber das Allerschönste sind noch immer die Momente, in denen Nancy mich aus vollem Herzen anstrahlt oder aber wenn ich zum Haus runterkomme und Profe mich schon mit einem freudigen „Hannah!“ an der Tür erwartet. (Zwei brandaktuelle Situationen: Gestern Abend ist Prof auf meinem Schoß auf dem Sofa eingeschlafen und hat dabei die ganze Zeit meine Hand umklammert gehalten, während ich ihm deutsche Schlaflieder [mit falschen Text…?] vorgesungen habe. Mit dem ansonsten vor Energie strotzenden Jungen war das schon ein sehr besonderer Moment, den ich sehr genossen habe. Heute dann wollte ich zu Marthas Haus gehen, als gerade ihre Nachbarin mit Nancy auf dem Arm vom Shop um die Ecke zurückkam. Die Kleine hat total geschrien, weil sie Erama nicht so gut kennt und wohl Panik hatte, was dieser Mensch mit ihr vorhat. Als ich sie dann aber auf den Arm genommen und mit ihr geredet habe, hat sie sofort aufgehört zu weinen und hat mich angelacht. Da ging mir so das Herz auf!)

PS: Die letzten Wochen/Monate herrschte Trockenzeit in Ghana, wodurch es kein bisschen geregnet hat, sodass das Grundwasser merklich zurückgegangen ist. Bei unserem Brunnen, wo ich immer Wasser für meine Familie hole, habe ich bereits nach wenigen Wochen schon ein deutlich längeres Seil gebaucht, um an das Wasser zu kommen. Heute war es dann so weit, dass die Pumpe im Waisenhaus bzw. in der Schule aufgrund des niedrigen Grundwasserspiegels kein Wasser mehr zu Tage gefördert hat, sodass die Kinder zu weiter entfernten Quellen laufen mussten. Zudem habe ich gelesen, dass die mehrstündigen Stromausfälle, die es die letzten Tage in ganz Ghana gab (das Beste: von 5-11 pm kein Strom, wenn es um halb sieben dunkel wird…), ebenfalls mit dem Wassermangel zu tun haben. Da der Großteil des ghanaischen Stroms nämlich durch den Akosombo-Staudamm erzeugt wird, tragen die große Hitze mit einer enormen Sonneneinstrahlung, sowie der fehlende Regen dazu bei, dass der Wasserpegel im Stausee deutlich sinkt, was wiederum zu zwingenden Einsparungen von Strom in den ghanaischen Haushalten führt, da es nicht möglich ist, die Energieversorgung in ganz Ghana in dieser Zeit dauerhaft aufrecht zu erhalten.

Da dieser Eintrag jetzt doch wieder länger geworden ist als ursprünglich vorgehabt, lade ich den anderen, eigentlich geplanten, ein andermal separat hoch. Das ist glaube ich für alle Beteiligten angenehmer?.

Noch ein paar Bilder derjenigen Menschen, dei meinen Alltag hier prägen:

Von links nach rechts: George (Papa), Thilo, ich mit Nancy, Martha (Mama) - Prof war leider krank an dem Tag Energiebündel Professor Profe Grinsebacke Nancy

Samstag, 26.01.2019

Reisen ist die Sehnsucht nach dem Leben – Kurt Tucholsky  

 

Für mich, Thilo und vier weitere Freunde ging es in der letzten Woche unserer Schulferien noch einmal weit weg von unseren ghanaischen Heimatstädten im Süden des Landes. Es ging sogar so weit weg, dass die Entfernung innerhalb Ghanas zwischen Ausgangspunkt und Zielort fast nicht größer hätte sein können. Es ging auf, zu unserer ersten wirklich großen Reise: hoch in den Norden.

(Und ja, ich gehe tatsächlich noch in mein Projekt, nur passieren die spannenderen Dinge zurzeit nun mal größtenteils auf meinen Reisen und daran möchte ich euch ja schließlich auch teilhaben lassen. Ein Bericht über meine Aktivitäten in Suhum wird aber definitiv auch nochmal kommen ?)

Am Samstag, den 5. Januar 2019, wurde am Abend in Accra der VIP Bus nach Bolgatanga gechartert, der eindeutig mehr Comfort bietet als die gewöhnlichen Trotros. Mit bequemen Sitzen, Beinfreiheit, Fernsehern und einer viel zu kalten Klimaanlage war er besser ausgestattet als so mancher deutsche Bus und stellte somit schonmal einen super Start in unser Abenteuer dar!

Um halb sechs am nächsten Morgen kamen wir dann mehr oder weniger ausgeschlafen in Bolgatanga an, wo wir das Glück hatten, gleich in den nächsten Bus einsteigen zu können, der uns bis zu unserem Zielort, Paga, direkt an der Grenze zu Burkina Faso, brachte – was sogar im ersten Ticket inklusive war, sodass wir nichts mehr extra zahlen mussten. Perfekt!

In Paga angekommen, fielen uns als allererstes drei Dinge auf: 1.: jegliche „Obruni“-Rufe fehlten, 2.: auf den Motorrädern waren mehr Frauen als Männer zu sehen und 3.: die Vegetation war komplett anders.

Letzteres lässt sich ganz knapp zusammenfassend darstellen, dass es im Süden Palmen und Obstbäume und im Norden die großen Baobab-Bäume und Pepper gibt. Die fehlenden Obruni-Rufe waren außerdem aber nicht das einzige Positive am Verhalten der Menschen dort oben. Sie waren auch einfach extrem freundlich auf eine „normale“ Art und Weise und nicht dieses nervige „Ich-bin-freundlich-weil-das-ein-Weißer-ist“-Getue, dass man ansonsten häufig zu spüren bekommt. Der Punkt mit den motorradfahrenden Frauen hat somit überrascht, dass man im Süden schon fast nie eine Frau hinter dem Steuer sieht, geschweige denn auf einem Motorrad. Dass jetzt hier in Stöckelschuhen, die Handtasche am Lenker baumelnd, die Frauen die Straßen unsicher machen durften, kam uns allen, vor allem uns Mädels, doch sehr sympathisch vor ?.

Der Tag wurde im Anschluss trotz Schlafmangel vollends ausgenutzt. Paga ist bekannt für seine zwei Krokodilteiche, in denen zusammen um die 200 Krokodile leben, welche im Ort als heilig gelten und somit dort ein entspanntes Leben führen (angeblich gingen die Einheimischen sogar mit ihnen baden, da die Krokodile wüssten, dass diese ihnen nichts tun und sie die Einheimischen im Gegenzug ebenfalls in Ruhe lassen würden). Als Besucher wird zuerst ein Hühnchen gekauft, das dann dafür herhalten muss, eines der Krokodile aus dem Wasser zu locken. Sobald sich eines der größeren Tiere dazu erbarmt hat, an Land zu schlurfen, wurden wir dazu aufgefordert, die typischen Touri-Fotos zu machen. Ehrlich gesagt fand ich das absolut nicht toll... Das Krokodil einmal anfassen - sehr gerne, aber dieses unechte Gepose, von wegen „seht her, ich halte bei diesem gefährlichen Krokodil den Schwanz, ohne gefressen zu werden“, während das Tier in Wirklichkeit vor Langeweile gerade fast einschläft, ist echt nichts für mich. Naja, danach wurde angekündigt, seine Kamera bereit zu halten, das Huhn wurde dem Krokodil jetzt nämlich als Belohnung zum Fressen zugeworfen und alle warteten total gespannt (und vielleicht auch ein klein wenig sensationslüstig), was passieren würde. Tja, was soll ich sagen? Das Huhn wurde direkt ins Maul geworfen, es wurde ein paar Mal geschluckt und gewürgt und dann war das Huhn weg. Nicht sonderlich spektakulär, aber doch durchaus interessant zu sehen.

Unser Alleingang, die Suche nach dem anderen, dem Größeren der beiden Teiche, war leider nicht sehr gewinnerbringend was den Teich anging, allerdings kamen wir an vielen Feldern vorbei, auf denen Pepper angebaut wurde und haben viele der dort oben typischen Häuser gesehen: einfache, schlichte Lehmhütten, genauso wie der ein oder andere sich seine Unterkunft hier in Ghana ursprünglich einmal ausgemalt hatte!

Damit war unser erster Tag aber noch lange nicht vorbei, jetzt fing der Spaß erst so richtig an! Auf dem Hinweg zum Krokodilreservat haben wir den „Chief“ Pagas getroffen, einen älteren, super freundlichen Herrn, der uns am Nachmittag ein paar Fahrräder ausgeliehen hat, mit denen wir dann zu einem Sklavencamp in der Nähe strampeln konnten. Dass an ein paar der Räder die Bremsen kaputt, oder die Sättel viel zu niedrig waren, hat am Ende keinen mehr gestört, zu viel Spaß hat es einfach allen gemacht, auf den orangenen Staubstraßen selbstständig durch Afrika zu düsen. Das Camp an sich war sehr interessant und anschaulich gehalten, der Guide hat sich wirklich bemüht, uns von den Essensplätzen über die Folterstellen bis hin zur Geschichte der Wege der Sklaven in Ghana, alles so anschaulich wie möglich darzustellen. Auch wenn ich es ab und zu etwas schwierig finde, sich Vergangenes, das man selber (zum Glück!) nie miterlebt hat, vorzustellen, hatte ich doch spätestens, als ein paar Männer anfingen, zu Demonstrationszwecken zu trommeln und zu singen, ein ziemlich gutes Bild der dazu tanzenden Menschen vor Auge.

Essensschalen der Sklaven Vorführungen der damaligen Tanzmusik

Auf dem Rückweg zum Hotel haben wir uns dann nochmals mit dem Chief getroffen, welcher sich im Anschluss selbst auf ein Rad geschwungen hat, um uns noch ein wenig das Land um Paga herum zu zeigen. Also hieß es wieder: Alles aufgestiegen und ab ging die Post, querfeldein über kleinste Sandwege, durch Gestrüpp und Gras, bis hin zu den größten Baobab-Bäumen in der Umgebung. Aber nicht genug, dass sie so riesig waren: Einige von ihnen waren innendrin sogar auf natürliche Art und Weise hohl; in ihnen wohnten früher einmal Menschen, wurde uns erzählt. Während wir noch ein wenig durchs Land gurkten, immer mal wieder Halt machten, um neue Früchte zu probieren und Pflanzen zu bewundern, meinte der Chief mit einem Mal: „Wir sind jetzt übrigens gerade in Burkina Faso!“ Hat uns der Schlawiner doch tatsächlich still und heimlich über die Grenze geführt – mit dem Fahrrad! Wer kann denn bitte von sich aus behaupten, er sei mit dem Fahrrad von Ghana nach Burkina Faso gefahren? Allein wie das schon klingt! ?

Irgendwo zwischen Ghana und Burkina Faso Baobab - wir kommen!

Mit der Rückkehr ins Hotel nach dem Abendessen fing aber leider auch der unschöne Teil unserer Reise an. Ich weiß noch immer nicht, ob es am Essen abends lag, oder mit dem Wasser zu tun hatte, auf jeden Fall verbrachte ich 90% der folgenden Nacht mit dem Gesicht in der Kloschüssel. Dass wir am nächsten Morgen bereits um halb sechs abgeholt wurden, machte mir somit nicht viel aus, geschlafen hatte ich eh nicht. Den Tag verbrachten wir überwiegend im Trotro, bevor wir am Nachmittag dann in Larabanga, sechs Kilometer vom Mole Nationalpark, unserem nächsten Ziel, entfernt, ankamen. Larabanga hat mich leider sehr enttäuscht, mehr noch, wir waren alle fast schon richtiggehend geschockt. Nachdem wir die angenehme, taktvolle Gastfreundlichkeit in Paga kennenlernen durften, bildeten die Menschen in Larabanga mit ihrer Aufdringlichkeit einen zu krassen Gegensatz. Kaum aus dem Tro ausgestiegen, stürzten sie sich wie Geier auf uns und wollten uns, auf Teufel komm raus, Geld abknöpfen.

Dementsprechend schnell sind wir dann auch mit dem nächstbesten Taxi in den Park gefahren, wo wir uns aufgrund der extrem hohen Zimmerpreise eine Campingausrüstung liehen und unser Lager auf dem dortigen Campingplatz aufschlugen. Nach ein paar kleineren Missverständnissen und Problemen was die Zelte anging (kaputt, bzw. falsches Zelt etc.) war es umso toller, als dann rechtzeitig zum Anbruch der Dunkelheit alles fertig aufgebaut war und wir den wunderschönen Sonnenuntergang noch entspannt genießen konnten.

Früh ging es dann auch am folgenden Morgen wieder raus, es stand nämlich eine Jeep-Safari auf dem Plan! (Was ganz gut war, Paul aus unserer Gruppe ist nämlich am Morgen im Dunkeln ganz blöd mit dem Fuß umgeknickt, der auch sogleich ordentlich dick geworden ist. Laufen wäre da schlecht gegsngen.) Genauso, wie ich mir das immer vorgestellt hatte, ging es mit einem Ranger auf dem Dach eines Geländewagens über die staubigen Straßen, immer auf der Suche nach einem neuen, besonderen Tier, das man noch nicht gesehen hatte. Warzenschweine, Antilopen und Affen waren nach kurzer Zeit schon fast nichts Besonderes mehr, die hatten wir außerdem schon am Abend zuvor in Hülle und Fülle gesehen, aber als dann ein riesiger Antilopen-Bock hinter einem Baum stand und uns aus großen Augen angestarrt hat, war das schon doch noch ein anderes Kaliber und durchaus imposant. Nachdem wir unter einem Adler hindurchgedüst sind, der in einer Baumkrone hoch über unseren Köpfen thronte, kam aber das absolute Highlight: erst raschelte es im Busch, dann knackten die Äste und schon schob sich zuerst ein grauer Rüssel, gefolgt von dem restlichen Elefantenkörper aus dem Gebüsch. Mein erster Elefant, 50 Meter von mir entfernt! Das war schon ein besonderer Moment, auch wenn man das in diesen Minuten gar nicht richtig erfassen konnte, es schien einfach total unreal, wie dieses riesige Tier, von dem man schon so viele Dokus gesehen und Berichte gelesen hat, jetzt im realen Leben vor einem steht. Klar mussten da auch ein paar Touri-Bilder geschossen werden ?

Zu meiner großen Freude blieb dieser Elefant aber nicht der einzige am Tag. Da wir nach der stressigen Anreise am Vortag erstmal piano machen wollten, entspannten wir den restlichen Tag über, unter anderem am Aussichtspunkt des Hotels, welches direkt an der Klippe einer Anhöhe gelegen ist. Von dort aus hat man einen super Blick auf eines der vielen Wasserlöcher des Parks, wo man des Öfteren Tiere zu Gesicht bekommen sollte. Und tatsächlich: nach kurzer Zeit kam eine ganze Elefantenherde, fünf an der Zahl, die direkt ins Wasser marschiert sind, wo munter geplanscht und um sich gespritzt wurde. Es war wirklich herrlich anzusehen!

 Elefanten im Wasserloch!

Am nächsten Morgen hatten wir geplant, alle zusammen eine Walking-Tour zu machen, letztendlich starteten aber nur vier von uns sechsen. Paul musste wegen seines Fußes dableiben und Calina hat ihm aufgrund von Bauchkrämpfen und Durchfall Gesellschaft geleistet. Die Walking-Tour war in meinen Augen sogar noch um einiges schöner als die Jeep-Safari, es ging nämlich direkt runter zum Wasserloch, wo so früh morgens noch eine ganz besondere Stimmung herrschte. Zu Fuß hört und sieht man vor allem auch nicht nur die großen Tiere, sondern man bekommt auch mit, was für eine Hülle und Fülle an Schmetterlingen und Vögeln eigentlich im Park leben. Unser Guide konnte uns tatsächlich auch zu fast jedem der kleinen Tiere den Namen und ein paar Informationen nennen, allerdings habe ich die meisten zu meiner Schande schon wieder vergessen. Es waren einfach zu viele! ? Nach ein paar Krokodilen im Wasserloch ging es mal wieder auf die Suche nach dem einen besonderen Tier, wegen dem die meisten der Besucher überhaupt erst die lange Reise auf sich nehmen: Eeeleeefanteeeen! Auch an diesem Tag hatten wir wieder Glück. Es ist nämlich nicht selbstverständlich, dass man auf jeder Tour eines der dickhäutigen Tiere zu Gesicht bekommt, aber wir hatten Erfolg bei unserer Suche!  Dieses Mal sogar mit den typischen weißen Vögeln (Kuhreiher?), die hinter dem Elefanten her gestakst sind und von denen ich bis jetzt nur in meinem Biologieunterricht unter dem Punkt „Symbiose“ gehört hatte.

Nachmittags haben wir uns dann noch auf eine Kanutour begeben, für die wir mehr Zeit im Auto hin und zurück, als im Kanu selber verbrachten und gesehen haben wir außer einem Eisvogel auch nichts sonderlich Spannendes. Allerdings war es einfach wunderschön, unter den Bäumen in der Stille dahinzugleiten - nichts war zu hören, außer ein bisschen Vogelgezwitscher und das gleichmäßige Eintauchen der Paddel ins Wasser. Es war eine ganz besondere Stimmung, für die sich das ganze Drumherum auf jeden Fall gelohnt hat!

Im Anschluss wollte ich von Freunden, die an diesem Tag auch im Park angekommen waren, Essen abholen, welches sie uns von außerhalb mitgebracht hatten. Als ich allerdings dort ankam, fand ich nur zwei total verstörte Jungs vor, die ohne Essen in der Hand einen Affen anstarrten, der wiederum fröhlich Reis in sich reinstopfte. Anscheinend hatte der Affe das Essen gerochen, die beiden Jungs angegriffen und in ihrer Panik haben diese dann den Reis von sich geworfen, worüber der Affe natürlich mehr als erfreut war. Es war zwar schade um den Reis, aber ich befand es nicht als riesen Katastrophe, da wir auf dem Campingplatz noch Red-Red (frittierte Bananen mit Bohnen) versteckt hielten. Tja, dachte ich zumindest. Als ich zurückkam, berichteten die anderen ganz aufgeregt, dass eine Affenmama mit ihrem Baby den Beutel mit dem Red-Red, welcher vor Toni auf dem Tisch lag, direkt unter deren Nase wegstibitzt hatte. Das hieß dann wohl Abendessen im Restaurant für diesen Tag. Allgemein waren die Affen sehr aufdringlich in den frühen Abendstunden, sie kamen immer in der Hoffnung auf etwas Essbares in Menschennähe und ließen sich dann nur sehr schwer wieder vertreiben. Es war aber trotzdem sehr lustig und das Camping inmitten der ganzen Tiere, die man nachts vor dem Zelt rascheln hörte, war sowieso durch und durch ein Abenteuer für sich!

Habt ihr vielleicht unseren Reis?! Highlight: Straßen auf der Straße!

Donnerstagmorgen ging es dann auf direktem Weg wieder nach Tamale zurück, die ehemals geplante Besichtigung der Moschee in Larabanga haben wir, aufgrund unserer Erlebnisse auf der Hinfahrt und auf Abraten anderer Freiwilliger, ausfallen lassen. In der Großstadt angekommen, ging es mit Paul und seinem Fuß erstmal ins Krankenhaus zum Röntgen, was (typisch Ghana) ganze vier Stunden an Wartezeit für fünf Minuten Behandlung bedeutet hat. Zum Glück war aber nichts gebrochen, weswegen es dann auch schnurstrakst zum Hotel ging, welches nur fünf Minuten vom Krankenhaus entfernt und super schön und ordentlich war! Die Nacht wurde ausgiebig genutzt, um Schlaf nachzuholen, was für alle super wichtig war. Am letzten Abend im Park gab es nämlich zwei weitere Erbrechen-Kandidaten, während sich Lea noch eine schöne Erkältung eingefangen hat.

Beim Frühstück haben wir dann allerdings erfahren, dass in dem Haus eine total bescheuerte Regelung gilt: Wenn zwei gelichgeschlechtliche Personen in einem Zimmer schlafen, müssen diese 20 Cedi extra zahlen. So etwas hatte ich wirklich noch nie gehört! Zum zweiten Frühstück bzw. Mittagessen fuhren wir nach Empfehlung der Rezeption mit den dort typischen Tricyclen, welche es in gelb, blau und grün gibt, zu einem sehr leckeren (und auch noch günstigen) Restaurant, von wo aus wir nach einer Stärkung noch kurz auf den Markt gingen, bevor es auch schon wieder an der Zeit war, sich zur Busstation zu begeben. Auf dem Markt in Tamale kann man übrigens nicht nur die einheimische Shea-Butter finden, die wir für unsere Gastfamilien zuhauf mitbringen mussten, sondern auch die Auswahl an besonderen und wunderschönen Stoffen ist unbeschreiblich groß!

Den Rückweg traten wir diesmal in einem VVIP-Bus an, der leider nicht ganz so komfortabel war wie der VIP-Bus auf der Hinfahrt und uns auch nachts noch den ein oder anderen Nerv rauben sollte. Die gesamte Zeit über lief nämlich eine ghanaische Sendung auf den Fernsehern, die spätestens um Mitternacht wirklich niemand im Bus mehr guckte, weil über die Hälfte der Menschen bereits schlief, die aber so unglaublich laut war, dass alle anderen nicht schlafen konnten, selbst wenn sie es wollten. Und spätestens als um ein Uhr nachts die Frau in der Sendung ihr Kind bekam, war der schlafende Teil des Busses auch wieder wach.

Dementsprechend gerädert kamen wir dann um drei Uhr morgens in Accra an, wo wir in der „Ankunftshalle“ noch bis sechs Uhr gewartet haben, bevor sich unsere Gruppe aufgeteilt und jeder ein Trotro in seine Heimatstadt genommen hat. So k.o., wie ich in Suhum an diesem Morgen ins Bett gefallen bin, war ich wirklich schon lange nicht mehr. Aber auch wenn es teilweise wirklich anstrengend war und die Verletzungen und Krankheiten uns ein wenig eingeschränkt hatten, würde ich diese Reise jederzeit wieder machen - es war einfach ein unglaublich tolles Abenteuer, das mit den richtigen Menschen zu einem unvergesslichen Ereignis für mich geworden ist!

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