Donnerstag, 25.07.2019

334 Tage, 12 Stunden und 42 Minuten

Das ist die Zeit, die mir jetzt gerade in diesem Moment rechts am Rand angezeigt wird. Die Zeit, die ich bereits in Ghana bin. 334 Tage in diesem tollen Land bedeuten im Umkehrschluss aber auch nur noch 21 verbleibende Tage. Drei Wochen, um mich an den Gedanken zu gewöhnen, dem Ganzen "Tschüss" zu sagen, alles hinter mir zu lassen, was für ein Jahr mein Leben, meine Heimat, mein neues Zuhause war. Ohne zu wissen, wann man die Möglichkeit haben wird, zurückzukehren. Ich glaube, gerade das macht es so schwer. Und natürlich die vielen kleinen Momente im Alltag, in denen man plötzlich einen heftigen Anfall von Wehmut und Verzweiflung bekommt, weil man realisiert, wie die Zukunft aussehen wird und ich dieser gerne ein, zwei Kleinigkeiten hinzufügen würde:

Ich würde so gerne Nancy als Teil meiner Zukunft sehen. Dieses kleine, zuckersüße Mädchen, dessen Lebensweg ich von ihrem ersten Tag zu Hause an miterlebt habe. An deren Schreie beim Füttern, ihren Groll auf alle Mützen, Haarbänder und Haargummis, ihre Liebe zum Bücher vorlesen, ihr zuckersüßes Lachen (und und und) ich mich schon genauso sehr gewöhnt habe, wie sie sich an mich gewöhnt hat. Jeden Morgen, wenn ich zu ihrem Haus komme und sie meine Stimme hört, hört sie auf zu trinken, rutscht vom Schoß ihrer Mama herunter und kommt zur Tür getapst, nur um mich mit einem fetten Grinsen im Gesicht zu begrüßen. Fremde gehen derzeit auch überhaupt nicht in Ordnung für sie, sodass sie bei jedem, der nicht Martha oder ich ist, erstmal anfängt zu weinen. Dass ich fast denselben Status wie ihre Mutter habe, bedeutet mir wirklich unglaublich viel und macht es umso schwerer, sie bald verlassen zu müssen.

Ich mein, muss ich dazu noch was sagen?:

Außerdem würde ich liebend gerne Professor in meinem zukünftigen Leben dabeihaben. Jetzt, wo er immer mehr redet und (Dank seiner neuen Schule) auch viel auf Englisch kommuniziert, kommt seine freche, energiestrotzende und lebensfrohe Art noch mehr zum Vorschein. Ein, zwei „lustige“, immer wiederholende Sätze reichen aus, um ihn den ganzen Weg zum Shop und wieder zurück zum Haus am Lachen halten zu können. Er ist ein absoluter Auto-Freak, jedes Mal, wenn eines an uns vorbeifährt, muss ich ihn besonders fest an der Hand halten, da er gerne schon auch mal dazu neigt, zu dem fahrenden Auto zu rennen und es anfassen zu wollen. Schlimmer ist das nur noch bei Motorrädern. „Hannah, see, Moto!“, wird gerufen und dann muss erstmal stehen geblieben, gestaunt und gewunken werden, bis es am Horizont (oder hinter der nächsten Ecke) verschwunden ist. Martha schimpft immer, weil er in ihren Augen zu gerne spielt und zu wenig lernmotiviert ist, aber mal ehrlich: das Kind ist drei! Und dumm ist er ganz sicher nicht. Eines der Bücher, die ich Abend für Abend mehrfach vorlese, beinhaltet mehrere Kurzgeschichten. Nach ein paar Wochen täglichem Lesen ist es inzwischen soweit, dass ich immer einen Satz anfange und Professor ihn beendet, weil er schon ganz genau weiß, was kommt. Manchmal sagen wir den nächsten Satz dann sogar auch komplett gemeinsam. Das Buch brauchen eigentlich also weder er, noch ich mehr zum Lesen, es dient nur noch zum Bilder anschauen, was beide Kinder wirklich liebend gerne machen.

Bei einem unserer abendlichen "Spaziergänge". PS: Wer findet Nancy? ;)Noch nicht ganz wach so früh am Morgen...

Naja und ansonsten würde ich einfach noch so viele andere Menschen gerne auch in Zukunft um mich herumhaben, sei es Martha, Patricia, Collins, Daniela oder die anderen Kinder aus Nachbarschaft und Schule. Ich sag immer, so ein kleines Stückchen Ghana in Deutschland wäre super! Dass man kurz mal für ein paar Stunden rüber nach Ghana geht, allen „Hallo“ sagt, ein bisschen Waakye und Banku mit Pepper isst und dann wieder nach Deutschland zurück switcht. Das würde vieles um einiges einfacher machen!

Aber leider ist das unmöglich. Die Realität sieht nämlich so aus, dass ich heute meinen letzten Schultag hatte, was wiederum bedeutet, dass ich den Großteil derjenigen Kinder, die mich jetzt ein Jahr begleitet haben und die ich trotz der ein oder anderen Verwünschung und meinen ersten grauen Haaren so liebgewonnen habe, für sehr lange Zeit nicht sehen werde. Manche wahrscheinlich sogar nie wieder. Da haben auch die Danksagungen und das Klatschen am Ende nicht viel geholfen, in diesem Moment war ich wirklich eher kurz vor den Tränen. Gerade, weil es so lieb von ihnen war. Kompliziert und verwirrend diese Gefühle, immer auf einem Grat zwischen Freude und Wehmut.

Ich kann mich noch ganz genau an einen Moment erinnern, zwei Wochen nachdem wir in Ghana angekommen sind. Thilo und ich saßen vor dem Klassenzimmer auf den üblichen braun-beige-orangenen (die Farbe ist nicht zuordnungsbar 😉) Plastikstühlen, haben über deutsches Essen sinniert und von gegenseitigen Besuchen in Deutschland gesprochen. Damals haben wir gesagt, dass es zwar total bescheuert ist, bereits nach so kurzer Zeit über solche Themen zu reden, wir aber einfach kein dreiviertel Jahr mehr warten können, bis dieses Verhalten in Ordnung wäre. Und jetzt ist diese Zeit, in der es in Ordnung ist, über Pläne in Deutschland zu reden, doch schon da, unser ghanaisches Abschlussseminar war letzte Woche, ein letztes Treffen mit allen Freiwilligen steht dieses Wochenende an und darauf den Samstag ist ein letztes Kochen mit George und den dazugehörigen ARA-Nabi Freiwillige geplant (ziemlich viele "letztes"...).

Mit jedem Tag der vergeht, schwindet meine Freude auf Deutschland, die vor ein paar Wochen noch so groß war, ein wenig. Ich weiß, dass der jetzige Teil meines Lebens bald vorbei sein wird und wie das halt immer ist, möchte man ja meist das haben, was man nicht haben kann. Sprich, ich werde in wenigen Wochen alles Deutsche wiederhaben, deswegen schreien mein Gehirn und mein Körper förmlich danach, alles Ghanaische, was mir zu entfliehen droht, festzuhalten. Und obwohl ich mir dieser blöden Reaktion durchaus bewusst bin, kann ich nichts dagegen machen. Nichtsdestotrotz ist die freudige Aufregung natürlich immer noch vorhanden, wenn ich an das baldige Wiedersehen mit Familie und Freunden denke, das will ich gar nicht bestreiten. Und wenn ich Ghana schon nicht mitnehmen kann, muss eben so viel wie möglich auf Bildern und Videos festgehalten werden.

Ich glaube, vor allem heute, am letzten Schultag, auch „our day“ genannt, habe ich so viele Bilder gemacht, bzw. machen lassen, wie nie zuvor an einem Tag. Ich wollte einfach alles mitnehmen, möglichst jeden Schüler und jeden Lehrer vor die Linse bekommen, die Dekoration, das Essen und die Getränke fotografieren, sowie ein letztes Mal für die Ewigkeit Assembly am Morgen und Closing am Nachmittag, ebenso wie meine tanzenden und singenden Schüler, per Video festhalten. Zum Schluss habe ich es sogar tatsächlich noch geschafft, alle zu einem großen gemeinsamen Gruppenbild zusammen aufzustellen. (Fast) alle Schüler und Lehrer zusammen! Es war wirklich ein schöner Abschlusstag mit viel Spaß, lockerer Stimmung und ständigem Gelächter!

So behalte ich meine Schulzeit an der Jehovah Rapha School gerne in Erinnerung!

Die folgenden Bilder sind alle in dieser letzten Schulwoche entstanden:

An diesem Tag......sind bei meinen Schneiderinnen......nicht nur neue Kleider entstanden ;)Im letzten Staff-Meeting wurde mir offiziell gedankt.Madame IreneMadame Josephine (Und Blessing im Hintergrund :P)DanielaEin paar Süßigkeiten für alle durften natürlich auch nicht fehlen ;)Letztes Mal Versammlung zum ClosingFast alle Schüler und Lehrer!Das Lehrer-Kollegium (ohne Madame Martha und Madame Augustina)