Freitag, 14.12.2018

Die Examen-Woche startet am 10.12. …

…nicht. Zumindest nicht an der Jehovan-Rapha-School in Suhum. Während die Schüler aller anderen Primary-Schulen in Ghana am Montag ihr Wissen über Englisch und ICT aufs Papier bringen durften, konnte an unserer Schule leider nur den ganzen Tag lang blöd herumgesessen werden. Die Fragebögen waren noch nicht im Haus und somit bestand natürlich auch keine Möglichkeit, die Prüfungen schreiben zu lassen. Gewundert hat es mich tatsächlich schon nicht mehr so wirklich, dass irgendetwas wieder einmal nicht nach Plan läuft, ich sag nur „typisch Ghana“. Allerdings hatte ich glaube ich doch irgendwie erwartet, dass zumindest so etwas Offizielles und Wichtiges wie die aus Accra kommenden Examen nach Plan durchgeführt werden. Naja, wenn der Lieferant nicht kommt, kann man halt nichts machen. Somit wurden am folgenden Tag eben einfach drei, anstatt der einen ursprünglich angesetzten Mathematikprüfung, geschrieben.

Dass das Wissen der Kinder natürlich nicht von irgendwoher kommt, ist wohl auch jedem klar. Die letzten 13 Wochen haben die anderen 7 Lehrer umd ich mehr oder weniger hart daran gearbeitet, ihnen den notwendigen Stoff so interessant wie möglich gestaltet beizubringen. Hierbei blieb es jedem selbst überlassen, ob dies in Form von normalen Tafelanschrieben, Übungen, Hausaufgaben oder kleinen Spielchen geschah. Thilo und ich konnten zudem den Luxus genießen, mit den Kindern in den Computerraum zu gehen. Nachdem in den ersten Wochen des Schuljahres kein einziger der sieben oder acht Computer funktionierte und wir den Kindern somit alles in langweiliger Theorie beibringen mussten, brachten wir nach geraumer Zeit und einigen Anstrengungen immerhin eine der Maschinen zum Laufen. Zumindest mit den höheren Klassen hatten wir somit nun endlich die Möglichkeit, den Unterricht anschaulicher zu gestalten und die Kinder auch in der Praxis mit der Technologie vertraut zu machen. Es ist einfach doch nochmal etwas anderes, ob man als Kind eine Computermaus in einem Klassenraum vorgelegt bekommt und damit dann sinnlos in der Luft herumklickt, nur um das Doppelklicken zu üben, oder ob man das wirklich am Computer anwenden und durch den Klick Dokumente öffnen kann. Auf diese Art und Weise haben die Kinder auch sehr viel leichter ein Bild von der Situation im Kopf und können sich schneller die jeweiligen Abläufe einprägen.

Allerdings ist es gar nicht immer so leicht wie man denkt, eine Horde Zweit- bis Fünftklässler dafür zu begeistern, sich zu acht vor einen Bildschirm zu quetschen und einem Klassenkameraden dabei zuzusehen, wie er übt, einen Text zu schreiben, oder in Form eines Spieles die Bewegungen des Mauszeigers erforscht. Da die Stunden infolgedessen verständlicherweise häufig eher unruhig und nicht so konzentriert verliefen, haben wir schon mehr als einmal unseren Direktor darum gebeten, doch bitte einen Elektriker kommen zu lassen, der sich der Sache annimmt. Wir selber haben schon oft genug unter den Tischen gesessen, in purer Verzweiflung Computerteile miteinander verkabelt und mussten uns doch notgedrungen immer wieder geschlagen geben. Bis heute hast sich die Lage nicht verbessert und wir hoffen, dass zumindest nach den kommenden Ferien endlich einige der Computer repariert sein werden.

In Deutschland wäre sowas wohl undenkbar. Wenn irgendetwas mal nicht funktioniert, wird sofort eine dafür zuständige Person gerufen, die sich der Sache annimmt und spätestens einen Tag später ist das Ganze gegessen. Nur sind wir hier eben nicht in Deutschland, sondern in Ghana. Da das natürlich nicht der einzige Unterschied ist, dachte ich, dass ich einfach mal ein wenig berichte, wie die Dinge hier in der Schule so ablaufen.

Ich kann natürlich nur von meinen persönlichen Erfahrungen an meiner Schule berichten und weiß auch, dass es an Schulen anderer Freiwilliger anders zugeht als bei mir, aber darüber weiß ich dann leider doch zu wenig, als dass ich das mit in meine Schilderungen einbeziehen könnte.

Fangen wir also von ganz von vorne an: Der Unterricht beginnt täglich (Montag bis Freitag) um 8 Uhr, wobei sich alle Schulmitglieder schon zehn Minuten zuvor zum Assembley im Schulhof einfinden, wo Ankündigungen für den Tag gemacht werden, falls welche anstehen. Anschließend wird die Nationalhymne gesungen und das National-Gedicht gesprochen, bevor es mit unterstützendem Getrommel und einem Marching-Song in die Klassenzimmer geht. Eine Klasse nach der anderen und alle im Takt der Musik. Wenn wir schon bei Klassenzimmern sind: Darunter versteht man an meiner Schule sechs Räume ohne Türen, als Fenster sind inzwischen immerhin ein paar Gitter angebracht worden, der Regen peitscht bei schlechtem Wetter trotzdem noch immer rein. Vorne an der Kopfseite hängt eine normale Schiefertafel, im Raum stehen neun bis zwölf Holzpulte mit Bänken, für jeden Schüler eines, Strom gibt es nicht. Als ich hier im August/September ankam, waren die Wände noch unverkleidet, mittlerweile wurde ein bisschen Beton darüber geklatscht, was leider noch immer alles andere als hübsch ist, weshalb versucht wird, das Ganze durch ein paar wenige Plakate oder Basteleien zu verschönern.

Was allerdings absolut nicht verschönert werden kann, sind die „Lehr-/Erziehungsmethoden“ in der Schule. Anstatt dass mit dem Belohnungssystem gearbeitet wird, wird einfach zugeschlagen. Beim kleinsten Fehler eines Kindes wird der Stock geholt und Schläge verteilt. Hierbei ist es total egal, ob die Hausaufgaben nicht gemacht worden sind, geredet wurde oder sonst was geschehen ist, das in den Augen des zuständigen Lehrers nicht korrekt war. Auf die Lehrer einzureden und ihnen andere Sichten vermitteln zu versuchen, habe ich schon nach wenigen Tagen aufgegeben und ohne sie jetzt verteidigen zu wollen, habe ich das Gefühl, dass sie einfach nicht offen genug erzogen worden sind, um neue Dinge auszuprobieren, dass sie es einfach nicht anders kennen und scheinbar davon ausgehen, dass es gar nicht anders geht. Sie scheinen nicht einmal darüber nachdenken zu wollen, ob es nicht auch andere Methoden gibt, mit Kindern umzugehen. (Ist es sehr ironisch, dass gerade das Lied „Change your mind“ läuft?) Das ist zumindest das, was ich aus Gesprächen mit verschiedenen Lehrkräften mitgenommen habe. Für sie ist das eben einfach die Art, den Kindern beizubringen, was sie falsch gemacht haben. Was ich persönlich nicht verstehe, sie waren doch auch mal als Kinder in der gleichen Situation?! Aber wenn ich hier jetzt noch weiter darauf eingehen würde, würde ich wohl noch ewig schreiben und zudem ist mir natürlich auch bewusst, dass ich an dieser Situation als Außenstehende nichts ändern kann, was nicht heißt, dass ich es gutheißen kann oder möchte. Dieses Thema beschäftigt mich tatsächlich jeden Tag aufs Neue, gerade wenn ich wieder das Klatschen des Stockes und das darauffolgende Zischen oder Weinen der Kinder höre... Zumindest habe ich aber erreicht, dass die Kinder in meinem Unterricht nicht mehr von anderen Lehrkräften geschlagen werden und auch nicht für Dinge, die bei mir geschehen. Es ist nämlich schon sowohl vorgekommen, dass ein Lehrer in meinen Unterricht hereinkam und die Kinder vor meinen Augen dafür geschlagen hat, dass sie in seinem Fach die Hausaufgaben vergessen haben, als auch, dass eine Lehrerin die Kinder herausgeholt und vor dem Klassenraum dafür geschlagen hat, dass sie sich in meinem Unterricht unterhalten haben, was ich ihnen nicht verboten habe, da das einfach albern ist, solange sie trotzdem gut mitarbeiten. Ich habe aber in beiden Fällen ganz schnell klarstellen können, wie der Hase läuft: Alles was bei mir passiert, läuft ohne Stock ab und da ich in derselben Position bin, wie die anderen Lehrkräfte, haben diese sich auch daran zu halten. Hat bis jetzt mehr als gut funktioniert, was mich sehr freut und insgeheim auch ein klein bisschen stolz macht.

Um gleich noch bei den Lehrern zu bleiben: Ich muss gestehen, ich habe nicht gerade das Gefühl, dass ich von ihnen etwas lernen könnte, was über ghanaische Dinge hinaus geht. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, ohne dass es doof rüberkommt. Nicht falsch verstehen, jeder dieser Menschen ist auf seine eigene Art und Weise clever, aber wenn ich mich mit ihnen unterhalte, habe ich doch manchmal nicht das Gefühl, ich spreche mit einem erwachsenen Menschen. Ich glaube/hoffe, es ist auch nicht allzu überheblich und falsch, wenn ich behaupte, die Lehrer an meiner Schule haben keinen höheren Bildungsstand, als ein deutscher Abiturient. Nach der Senior-Highschool, die mit 18 abgeschlossen wird, besucht jeder zukünftige Lehrer nämlich „nur“ noch für drei Jahre eine Art Berufsschule, die extra für diese Berufsausbildung gemacht ist, bevor er dann schon auf die Schüler losgelassen wird.

Dementsprechend sind auch die Lehrmethoden. Stellt man den Schülern eine Frage, schallt einem im Chor der perfekt auswendig gelernte Antwortsatz entgegen. Wichtige Dinge, die auch noch nach ein paar Wochen im Kopf sein sollen, werden einfach so oft im Chor wiederholt gelassen, bis sie auch im Schlaf noch abrufbar sind. Sobald es an selbstständiges Arbeiten geht, läuten somit die Alarmglocken und Panik bricht unter den Schülern aus. Das habe ich auch wieder beiden Tests gemerkt, die ich gestern korrigiert habe. Ankreuzaufgaben in Teil A wurden noch einigermaßen gut gelöst, aber Teil B mit Fragen, die selbstständig beantwortet werden mussten, kam keiner über 1/3 der zu erzielenden Punkte. Demzufolge haben die Lehrer aber immerhin weniger zu korrigieren. Noch weniger. Man kann wirklich nicht sagen, dass die Lehrer bei uns außerhalb der Schulzeiten viel leisten müssen. Einmal vorbereitet, werden die Materialien für die nächsten 40 Jahre genutzt, wenn nicht eh gleich schon einfach aus dem Buch abgeschrieben wird. Übungen oder Hausaufgaben der Schüler werden gleich in der Stunde oder aber in einer der Freistunden korrigiert und sowas wie Zwischentests sind eigentlich auch nur anders genannte Übungen. Klar, es ist Grundschule, das muss man sich immer wieder sagen, aber trotzdem könnte man das Ganze zumindest für die Schüler so viel interessanter gestalten. Wenn auch man dazu sagen muss, dass es hier nicht den Luxus gibt, den ich aus Deutschland gewohnt bin. Während die deutschen Schüler mit verschiedensten Stiften, Heften, Büchern top ausgestattet in der Schule erscheinen, war ich hier schon glücklich, als nach zwei Monaten fast jeder Schüler ein Exercisebook besaß. Von den Büchern fange ich gar nicht erst an. Auch anschauliche Utensilien für den Unterricht und seien es nur einfache Karten oder Lexika, sind leider nicht anzutreffen, wodurch die Inhalte, wie bereits gesagt, leider nicht sonderlich anschaulich vermittelt werden können. Die Kinder machen trotzdem meistens gut mit und bemühen sich wirklich. Auf jeden Fall versüßen sie mir jeden einzelnen Tag die Laune!

Da der Eintrag letztendlich doch ein wenig ausgeartet ist (er sollte gar nicht so lang werden) und auch einen eher negativen Touch abbekommen hat, hier noch ein „neutraler“ Fakt zum Ende: In Ghana tragen alle Schulkinder Schuluniformen und rasierte Haare (Ausnahmen bestätigen die Regel), wobei jede Schule seine eigene Kombi aus Farben hat. Nur die wenigen staatlichen Schulen haben alle orange-braun als festgelegte Farben. An unserer Schule ist es creme-lila.

So, jetzt ist aber wirklich Schluss! ?

Der ganz Linke funktioniert ;)  Bisschen Spaß muss sein! Sicht vom Lehrerpult aus