Montag, 20.05.2019

Nichts ist so beständig wie der Wandel - Heraklit von Ephesos

Was der liebe Herr von Ephesos bereits einige Jahre vor Christus ganz richtig festgestellt hat, erfahre ich derzeit selber ganz besonders. Klar, mit diesem Jahr habe ich mich selber auf eine große Veränderung eingelassen, aber auch innerhalb eines Jahres passiert natürlich sehr viel. Sehr viel Gutes, aber auch einiges weniger Gutes. Kurz nachdem Patricia umziehen musste ist im Nachbarhaus die Hausherrin gestorben, wodurch es dort ziemlich ruhig wurde. Dann vergangenen Dienstag die Nachricht: Mr Gyampo ist tot. Daniel Gyampo war der Landlord, der zwar Patricia und Collins rausgeschmissen hat, zu mir aber immer sehr nett war, auch wenn ich ihn nicht allzu oft gesehen hatte. Da Mercy, seine Nichte, die die letzte Zeit hier im Haus gewohnt hat, daraufhin für einige Tage zu ihrer Familie gegangen ist, dachte ich, es würde nun auch einfach ruhig werden, so wie bei den Nachbarn. Tja, Pustekuchen.

Suhum, Mittwochmorgen, 5:30 Uhr. Während ich mir nach zwei anstrengenden Tagen Schule noch meine wohlverdienten letzte halbe Stunde Schlaf holen wollte, hatte Mr Gyampos Verwandtschaft andere Pläne. Während eine der aufkreuzenden Frauen nämlich klagend, jammernd und schreiend ums Haus lief kamen die anderen langsam hinterher getrottet und kamen irgendwann auf die grandiose Idee durch die Fenster in mein Zimmer zu gucken. Was ich eigentlich absolut nicht leiden kann, war in dem Moment meine Rettung. Nach der glorreichen Erkenntnis, dass hier eventuell noch andere Menschen wohnen („Is this a body over there in the bed? Hey, come here, is this a body? That´s a body!“) wurde die schreiende Frau nämlich beruhigt, an Schlaf war dann trotzdem nicht mehr zu denken. Allerdings habe ich bis heute nicht herausgefunden, ob die greinende Person seine Ehefrau war, womit wir schon beim nächsten Punkt wären: Ich kenne (außer Mercy) keinen einzigen der gesamten Verwandtschaft. Keiner der ganzen Menschen hat sich jemals hier am Haus blicken lassen, wollten nichts damit zu tun haben, obwohl Mr Gyampo Patricia ja extra gekündigt hat, damit seine Kinder rein theoretisch jederzeit einen Raum hier haben können. Warum die „ganzen Menschen“? Nun ja, ich weiß nicht, ob es Mr Gyampos letzter Wunsch war oder ob irgendeiner aus der Familie auf die glorreiche Idee gekommen ist – wie auch immer, Fakt ist, dass entschieden wurde, die einwöchige Todesgedenkfeier, die in Ghana üblich ist, nicht an seinem Wohnhaus in der Stadt abzuhalten, sondern hier an seinem „Zweithaus“. Und das wiederum heißt übersetzt scheinbar so viel wie: eine Woche Zeit, so viel wie möglich an dem Haus zu verändern. Es fing an mit dem Abholzen jeglichen Grünzeugs, dessen Stamm dünner als einen halben Meter ist, ging weiter mit Betonieren einzelner Bodenteile im Flur, die mit naturbelassenen Stein ausgekleidet waren und als ich heute aus Koforidua zurück kam, standen im „Garten“ vier riesige rot-schwarze Zelte, die Palmstämme waren mit Tüchern in den passenden Farben umschlungen, das gelbe Haus ringsherum einen halben Meter die Wände hoch in rot angestrichen, der Eingangsbereich mit Kunstrasen ausgelegt, ein Raum neu gestrichen und der Rest, der gerade nicht frisch gestrichen oder betoniert wurde, ist mit Stühlen vollgestellt. So viel also zum Wandel. Während mir die meisten Änderungen im Haus relativ egal sind, tut mir das Abholzen der ganzen Pflanzen schon ziemlich weh. Es sah so wunderschön aus, wenn alles so grün war und die plattgewalzte Erde sieht jetzt eher aus wie ein ghanaisches Fußballfeld. Das Gute daran ist aber, dass ich später, wenn die Zelte abgebaut sind, zumindest eine schöne ebene Fläche zum Volleyballspielen habe – always look on the bright side of life 😉.

Während die Leute hier also Samstag und Sonntag fleißig am Werkeln waren, habe ich die Tage (wie bereits erwähnt) in Koforidua verbracht. Freunde hatten mich zu einer Barbecue-Party eingeladen, und auch wenn ich diese zwar größtenteils mit in der Küche stehen, vorbereiten, helfen und rennen verbracht habe (Manche Dinge ändern sich eben nie 😉), der Obstsalat durch die Hitze bis zum Servieren leider schon gegoren war und ich aufgrund der ca. vierzig Gäste nicht viel vom restlichen mühsam zubereiteten Essen gesehen habe, war es trotzdem ein schöner Abend. Außer den vier Obrunis kannte ich zwar keinen einzigen, als die ghanaischen Jungs dann angefangen haben zu tanzen, war das aber ganz egal, dann war man nämlich mit gucken beschäftigt und wollte sich eh nicht unterhalten 😉. Übrigens hatte die Familie einen runden vier Meter großen Pool aufgebaut (ja, diese Gastfamilie hat Geld), den nicht nur die minderjährigen Gäste super fanden. Als ich mir aber ausgerechnet hatte, wie oft ich laufen müsste, um diesen Pool mit dem Brunnenwasser bei Martha zu füllen (314 Mal), habe ich die Idee, mir auch so ein Ding anzuschaffen, ganz schnell wieder verworfen. Da würde das Wasser ja schneller wieder verdunsten als ich mit Schleppen hinterher kommen würde 😉.

Auf dem Hinweg nach Koforidua (wir rollen das Ganze jetzt einfach von hinten auf), als ich ganz entspannt im Tro saß, habe ich das ghanaischste seit Langem gesehen: Es gibt einen Punkt auf der Strecke, an dem öfter mal Polizisten stehen und die Fahrzeuge kontrollieren. Vor uns fuhren zwei Taxis, die durch kommende Fahrzeuge auf die bevorstehende Kontrolle hingewiesen wurden. Diese beiden voneinander unabhängigen Taxis hielten daraufhin am Rand an, aus dem Auto, in dem fünf Passagiere saßen, rannte einer schnell in das mit nur drei Insassen, beide fuhren ungehindert durch die Kontrolle, nur um nach der nächsten Kurve anzuhalten und den Passagier-Tausch wieder rückgängig zu machen. Das war so 100% Ghana!

Ein weiteres Highlight der letzten beiden Wochen war definitiv das Championsleague Halbfinal-Spiel Ajax Amsterdam gegen Hotspur Tottenham, welches ich mit vierzig ghanaischen Jungs in einem kleinen Schuppen nahe Marthas Haus geschaut habe. Da die Fronten ziemlich halb, halb aufgespalten waren, ging es mehr als heiß her. Der eh schon brodelnde Kessel ist letztendlich völlig explodiert, als Tottenham kur vor Schluss doch noch das entscheidende Tor geschossen hat. Der Jubel auf der einen Seite und das Geschimpfe und Gebrülle auf der anderen Seite, gepaart mit ghanaischen Wortgefechten zwischen Leuten, die sich sonst super verstehen, war einfach göttlich und ich habe jede einzelne Sekunde genossen!

Auch wenn mir der Ausgang des Spiels relativ egal war, juble ich in letzter Zeit trotzdem sehr viel. Denn: Es regnet endlich!!! Seit einer Woche ungefähr ist das altbekannte Schema der Regenzeit zurück – morgens Sonne und dann ab drei Uhr nachmittags Regen, Gewitter und Stromausfälle als würde es kein Morgen geben. Ich liebe es! Na gut, die Stromausfälle eher weniger, aber die nehme ich gerne in Kauf. Außerdem kann Nancy inzwischen laufen! Mit ihren neun Monaten ist sie ziemlich früh dran damit, ist auch meistens noch zu faul und krabbelt lieber, was deutlich schneller und weniger anstrengend ist. Aber an der Hand kann sie schon sehr sicher laufen und auch ohne Hilfe schafft sie es, kurze Strecken im Zimmer zu tapsen. Es ist einfach zu niedlich!

Mit dem Regen kommt die Kälte - Da wird schon mal Jacke und Mütze ausgepackt.

Naja und dann war da noch die Sache mit der Kleiderspenden-Tasche. Von Zeit zu Zeit kommen im Waisenhaus nämlich Spenden an, nicht immer nur Essen und Geld, sondern oft auch Dinge wie Klopapier, Windeln oder Klamotten. Letztere manchmal auch in Größen, in die die Kinder wohl so schnell nicht reinwachsen werden. So auch vergangene Woche, als der Headmaster alle Lehrer ins Office rief: eine große Tasche mit Erwachsenenkleidung war in den Tiefen des Raumes gesichtet worden – und damit ging das ganze Spektakel auch schon los. Als wären es die letzten Klamotten die es für die kommenden drei Jahre in Suhum zu ergattern gäbe, stürzten sich diese eigentlich erwachsenen Menschen auf die Kleidung, es wurde gefetzt und gestritten, Dinge aus Händen gerissen und alles auf dem Arm gestapelt, was einigermaßen die richtige Kleidergröße hatte, türkisene Ballkleider und Blazer ebenso wie Mäntel und Schals, Frauen und Männer in einem auf Schnelligkeit basierendem Wettkampf. Dass es sich ausschließlich um Frauenkleidung gehandelt hat, hat die männlichen Kandidaten wenig gestört, die taillierte Winterjacke konnten trotzdem noch zur Motorradjacke umfunktioniert werden und der selbstgestrickte Schal kam zum Beginn der Regenzeit wie gerufen. Ich konnte das Ganze nur wieder einmal lachend und kopfschüttelnd mitverfolgen und meine Antwort „Aus Angst, ein altes Teil von mir zu finden“ auf die Frage, weshalb ich nichts nähme, haben auch nicht alle Anwesenden verstanden 😉. Am Ende blieben sogar noch ein paar wenige Stücke übrig, die sich die älteren Schüler schnappen durften und die auch gleich am nächsten Tag stolz getragen wurden.

Und das war noch eine der kleinen Kleidungspakete am Ende...

PS: Weil dieser Aspekt bei vielen in der Heimat schon für Lacher gesorgt hat, hier auch einmal für alle anderen: Ja, bei uns in Suhum werden die Laternen mit einem Schalter angemacht. Wer gerade vorbei kommt und Licht braucht, kann die Lampe einschalten; sobald es hell wird, schaltet der Erste, der sie passiert, sie wieder aus. 

Eine der besagten Laternen vor meinem Haus......und besagter Schalter

 

Nachtrag Dienstag, 21.05.: Heute hatte eine Lehrerin tatsächlich das türkisene Kleid in der Schule an...