Freitag, 16.11.2018

Odwira-Festival

Grillen zirpen, zwischen den Bäumen raschelt ein Tier bei seiner abendlichen Suche nach Essen, ein Hund läuft unter dem Fenster vorbei, die Katze miaut vor der Tür. Aus der Stadt werden vereinzelte Musikfetzen herübergetragen, die Nachbarin unterhält sich im Gang mit ihrem Sohn. In Suhum ist die alltägliche vornächtliche Stimmung eingekehrt. Die Betonung liegt hierbei auf „alltäglich“. Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel und somit hat sich unsere gemütliche Kleinstadt am vergangenen Wochenende für drei, vier Tage in die reinste Party-Meile verwandelt.

Gefeiert wurde das „Odwira-Festival“, mit welchem alljährlich dem historischen Sieg der Easter-Region über die Ashanti (Region/Stamm nordwestlich der Easter-Region) in 1826 gedacht wird. Es ist für mich ehrlich gesagt noch immer nicht ganz klar, was genau während der ganzen Woche, über die sich das Fest erstreckt, vonstattengeht, da man nicht wirklich viel mitbekommt. Zum Ablauf der „Haupt-Zeremonie“ am Freitagabend habe ich aber aus Befragungen mehrerer Menschen so viel mitgenommen: Der „Chief“ von Suhum, also so etwas wie ein Stammeshäuptling, wird am Freitagabend gegen 22 Uhr von seinen Untertanen auf seinem Thron nackt durch die Stadt zum Fluss getragen und geht dann dort baden. Dies ist auch der Grund, weshalb ab zehn Uhr abends keine Menschenseele mehr auf den Straßen anzutreffen ist. Erzählungen zufolge wird nämlich jeder, der den König nackt sieht, von den maskierten, Macheten tragenden Begleitern verfolgt und getötet. Wieso, weshalb und warum das passiert, davon habe ich leider absolut keine Ahnung.

Allerdings bietet das Fest, neben der Einführung in die örtliche Kultur, auch die Möglichkeit, mit seinen Freunden einmal ordentlich feiern zu gehen, denn Freitag, Samstag und Sonntag ist Party angesagt! Das haben natürlich auch wir uns nicht entgehen lassen, sodass von Freitag bis Sonntag 15 Obrunis Suhum bevölkert haben. Für die Leute im Ort waren wir wahrscheinlich eine viel größere Attraktion als das eigentliche Festival und die Straßenverkäufer haben sich durch den verfressenen Teil unserer Gruppe wohl auch eine goldene Ader verdient. Allen voran die FanMilk-Verkäufer, die mit ihren Eiswagen viele glückliche Gesichter hervorrufen konnten. Es war aber auch wirklich, wirklich warm an diesem Wochenende, weswegen wir uns Samstag auch nur ein, zwei Stunden lang den traditionellen Teil in der Stadt angeguckt und dann relativ bald schon wieder nach Hause gegangen sind, um uns von Freitag zu erholen und fit für den kommenden Abend zu sein.

Na gut, ganz so schlimm war es dann auch wieder nicht - während Freitagabend nur bis zur Deadline von 22 Uhr der Pub unsicher gemacht wurde, der auch schon gut gefüllt war, in dem man sich aber noch bewegen konnte, war der Samstag dann allerdings doch noch einmal eine ganz andere Nummer. Bis wir im Zentrum waren, hat sich alles noch normal angefühlt, es waren zwar mehr Menschen auf der Straße, aber nicht so, dass es außerordentlich aufgefallen wäre. Auf dem letzten Hügel auf dem Weg in die Stadt hat man dann allerdings schon die gigantischen Ausmaße des Festivals erkennen können. Ein Gewusel von Menschen, ein einziger Pulk, wie auf einem ausverkauften Konzert, bevölkerte jeden einzelnen Fleck der Straßen, zwischen ihnen ein paar wenige wagemutige Autofahrer, die ihr Gefährt millimeterweise durchs Getümmel lenkten und dabei langsamer waren als alle Fußgänger. Auf die Plätze, fertig, los – und ab ging´s für uns, mitten rein ins Geschehen!

Aufgrund weiser Voraussicht und Warnung unserer einheimischen Freunde, hatten Langfinger und Co an diesem Abend glücklicherweise keinen Erfolg bei uns, obwohl sie es zur Genüge versucht hatten. Auch ansonsten war es besonders für uns Mädchen nicht ganz so angenehm, sich bei so vielen Menschen notgedrungen an der männlichen Vertretung Ghanas vorbeiquetschen zu müssen, die sich in ihrem angetrunkenen Zustand solch eine Chance natürlich nicht entgehen und ihre Hände nicht bei sich lassen wollte. Zum Glück wurde dies aber besser, sobald man von der Hauptstraße runter ging und somit wurde an diesem Abend eben einfach vor, anstatt im Pub getanzt - die Musik war allemal laut genug dafür.

Der große müde Teil unserer Gruppe ist dann gegen Mitternacht nach Hause gegangen, während Thilo, eine deutsche Freundin, zwei ghanaische Freunde und ich noch den Bereich vor der aufgebauten Bühne auf der Trotro-Station unsicher gemacht haben. Schon den ganzen Abend über durfte jeder, der einigermaßen singen konnte und sich rechtzeitig angemeldet hatte, sein Talent auf der Bühne zeigen, was aber eigentlich auch alles nur als Herauszögerungs-Taktik für DEN Haupt-Act gedacht war: „Stonebwoy“, der mit typischer ghanaischer Verspätung von einer Stunde um 2 Uhr nachts auf die Bühne gesprungen kam. 2014 auf seiner Europa-Tour sogar auch in Deutschland aufgetreten, wurden seine Lieder die Wochen zuvor (und jetzt immer noch) rauf und runter gespielt, sodass sogar wir Deutschen am Samstag den ein oder anderen Refrain mitsingen konnten. Und wenn man den Text gerade doch nicht wusste, hat man sich von den Leuten um sich herum einfach zeigen lassen, mit welchem Hüftschwung man am besten zu dem aktuellen Lied tanzen kann und der Spaßpegel ist wieder weiter in die Höhe geschossen. Gegen drei Uhr nachts hat es dann aber auch uns Übriggebliebenen gereicht, Füße und Rücken taten weh, die Stimmbänder haben protestiert, aber das war es allemal wert!