Dienstag, 18.06.2019

Peace out, Peace in

Peace… Wer erinnert sich noch an den weißen Kater mit den rot-braunen Flecken, der mit Patricia und Collins bei uns im Haus gewohnt hat (und hinterher dann eben in ihrem neuen Zimmer)?

Nun ja, vor zwei Wochen ca. kam Collins zu mir und meinte, der Landlord des Nachbargrundstücks, auf dem schon seit Längerem ein Haus gebaut wird, sei zu ihm gekommen und meinte, in einem der Räume läge eine tote Katze, er solle schauen, ob das seine sei. Angeblich sei es wirklich Peace gewesen. Nachdem ich Collins das erst nicht glauben wollte, bin ich schließlich doch mit ihm mit und tatsächlich: in einem der unfertigen Zimmer lag diese Katze tot vor dem Fenster. Nachdem weder Patricia noch Collins in der Lage waren, den Kater wegzuschaffen, der Hausbesitzer sie aber verständlicherweise auch nicht da liegen haben wollte, war es wohl an mir, mich um die Beerdigung zu kümmern. Mit Schaufel und alten Betonsäcken ging es dann also daran, diese Katze irgendwie einzupacken. Nicht gerade einfach, wenn man nur zwei Hände hat, aber drei Dinge gleichzeitig bedienen muss. Also wollte ich einen der Arbeiter im Haus um Hilfe fragen, ich dachte, Mitte 20-Jährigen sei so etwas zuzutrauen. Leider zeigte sich im Zuge dessen wieder einmal: große Klappe, nichts dahinter. Aber wie heißt´s immer so schön: selbst ist die Frau, also hat es letztendlich auch alleine irgendwie funktioniert.

Da ein Leben ohne Tiere meiner Meinung nach nur halb so schön ist, war ich dementsprechend höchst erfreut, als mir eines Tages vor der Haustür ein kleiner Hund entgegengesprungen kam. Der kleine Racker gehört Martha, Mr. Gyampos Witwe, die jetzt auch hier wohnt und ist ein knuddeliger, wunderschöner und sehr verspielter zwei Monate alter Mischling (wie sollte es auch anders sein hier in der jeder-Streuner-paart-sich-mit-jedem-Streuner-Hunde-Kultur? 😉 Und es gibt viele Streuner kann ich euch sagen…). Naja und wie es der Einfallsreichtum der Ghanaer, was Tiernamen anbelangt, nunmal so will, heißt diese Hündin jetzt ebenfalls „Peace“. Nachdem früher immer die Katze vor meiner Tür ihren Schönheitsschlaf abgehalten hat, wache ich jetzt jeden Morgen also wieder mit einem/r schlafenden Peace auf meiner Fußmatte auf – bloß die Gestalt und die Farbe haben sich geändert und… naja, eigentlich alle Aspekte außer des Namens 😉.

An Peace, die mir zwar immer folgt, aber jedes Mal schön brav VOR meiner Zimmertür stehen bleibt, hätten sich auch mal besser die Suhumer Ameisen ein Beispiel genommen. Diese unklugen Tierchen haben es aber eines Abends dummerweise gewagt, einen Weg durch mein Fenster nach innen zu finden und sind munter die Fensterbank rauf und runter marschiert. Anmerkung: wir reden hier nicht von den kleinen Winz-Ameisen, die es hier in Hülle und Fülle gibt, und die immer Jagd auf alles Essbare machen, ganz egal, wie gut es eingepackt ist – Nein, wir reden hier von großen, fetten, schwarzen Ameisen, durch die es schien, als ob sich mein gesamtes Fenster bewegen würde. Da ich unter diesen Umständen niemals an Schlaf denken könnte, das Insektenspray aber einen Tag zuvor von Martha aufgebraucht worden war, bin ich den Viechern mit Besen und einem Eimer Wasser zu Leibe gerückt. Die grandiose Idee, die Tierchen von dem Fensterbrett einfach direkt in den Wassereimer zu kehren, entpuppte sich eher als so semi-gut. Die Kurzfassung: ungefähr jede zehnte Ameise landete im Eimer, der Rest plumpste auf den Boden, wo sie natürlich sofort das Weite suchten und sich unter dem Bett, sowie hinter Rucksäcken und Regalen versteckt hielten. Aber nicht mit mir! Jede einzelne habe ich erwischt, auch wenn es mich über eine Stunde gekostet hat – hinterher wurde die Einstiegsstelle mit einer dicken Schicht „Nobite“ eingesprüht. Ob das wirklich was geholfen hat, kann ich nicht sicher sagen, bis jetzt sind aber zumindest keine neuen ungeladenen Gäste in meinem Zimmer aufgekreuzt.

Ich glaube ja, dass diese Krabbeltierchen aufgetaucht sind, weil es kurz zuvor nach ein paar warmen Tagen wieder einmal richtig stark geregnet hatte. So Wetter mögen die immer sehr gerne. Hach ja, apropos Regen: Genauso ein Starkregen ist mir auch letztens zum Verhängnis geworden, als ich mal wieder in Koforidua war. Was in Suhum noch wunderschöner, strahlend blauer Himmel war, verwandelte sich in der östlich gelegenen Nachbarstadt in ein dunkles Wolkenband und Platzregen. Mein geplanter Gang vom Internetcafé (Bewerbungen sind alle raus – check!) zum Markt, wo ich mich mit Helena zum Einkaufen für Carlos abendliche Geburtstagsfeier treffen wollte, zögerte sich somit um einiges heraus. Als es dann irgendwann noch immer keine Aussicht auf Besserung gab und es immer später und später wurde, habe ich mich wohl oder übel doch noch in den Regen gestürzt. Ein fataler Fehler, wie mich meine Flipflops bald schon erinnerten. Denn so wenig ihnen der Regen auch ausmacht, ein Problem gibt es mit den Gummisohlen (Der Part, auf dem die Füße sind, nicht die Unterseite): Sie werden sehr, sehr rutschig. So musste ich den ein oder anderen Lacher meiner ghanaischen Zuschauer über mich ergehen lassen, die von dem Obruni-Mädchen, das es beim dritten Mal Schuh-Verlieren, auf einer Strecke von zehn Metern, doch tatsächlich schaffte, einen von ihnen in den Abwasserkanal zu befördern, bestimmt noch beim Abendessen erzählt haben. Zu meiner Verteidigung: es ging bergauf, das hat das Laufen noch erheblich erschwert! 😉 Aber damit noch nicht genug – dadurch, dass all meine Körperteile scheinbar darauf fokussiert waren, nicht noch einmal einen Schuh zu verlieren, blieb wohl leider kein Teil meines Gehirns mehr übrig, das sich auf den Weg konzentrieren konnte. Gut, ich hatte sowieso keinen genauen Plan, wie ich laufen musste, ich wusste nur, dass ich irgendwann rechts abbiegen musste, aber als ich dann an einer dreistöckigen, völlig unbekannten Schule vorbei- und nach einem Matschweg, der mir mein Kleid nochmal vollständig einsaute, einen halben Kilometer weiter oben als geplant raus kam, wusste ich dann doch, dass da was (in diesem Fall ich, haha) falsch gelaufen war. Der Abend war dann aber noch wunderschön und das Essen, bestehend aus Hühnchen, Bratkartoffeln, Salat, sowie einem Schokopudding auf Avocado-Basis, einfach nur köstlich!! (An diesem Abend habe ich übrigens auch festgestellt, dass man Cha-Cha-Cha genauso gut auch alleine tanzen kann – wenn nicht sogar noch besser als mit einer anderen Person 😉).

Aber nicht nur in Koforidua war ich die letzten Wochen. Nach einem Ess-und-Tratsch-Wochenende in Akwatia, wo auch zwei Mädels ihr Projekt haben, bei dem wir neben Essen und Quatschen tatsächlich auch noch Zeit gefunden haben, den größten Baum Westafrikas zu bestaunen, ging es für Helena und mich letzte Woche Samstag nach Accra auf eine kleine Sightseeing-Tour. Denn tatsächlich bin ich jetzt schon seit zehn Monaten hier im Lande und habe noch nie den Independence Square, sowie den Arch gesehen. Gut, wahrscheinlich ist das das Gleiche, wie wenn Deutsche noch nicht das Brandenburger Tor gesehen haben, aber es stand eben auf meiner Liste an Dingen, die ich in Ghana noch sehen möchte und es hat sich eben für einen Tagesausflug angeboten. Nach einem kleinen Pläuschchen mit den „Wächtern“ hat uns einer der beiden sogar hinauf auf den Bogen geführt, sodass wir über den Straßen Accras neben dem Stern stehen und die tolle Aussicht genießen konnten! Anschließend war eigentlich noch der Leuchtturm in Jamestown geplant, da haben uns aber ghanaische Restaurierungsarbeiten einen Strich durch die Rechnung gemacht, die auch leider noch bis August andauern. Dieser Punkt muss dann also bei meinem nächsten Ghanabesuch abgearbeitet werden.

Am Independece-Square ist nur am Nationalfeiertag was los.

Tatsächlich ist es jetzt schon so weit, dass Martha auch bereits anfängt, von der Zeit zu reden, wenn ich nicht mehr da bin, bzw. vom Abschied an sich. Klar, es sind noch immer zwei Monate, aber andererseits: was sind schon zwei Monate? Acht Wochen gehen so unglaublich schnell um und gerad die letzte Zeit merke ich immer wieder, wie wohl ich mich hier in Ghana, in meiner Umgebung, in meiner Familie fühle! Die Menschen sind mir so sehr ans Herz gewachsen, ganz besonders die Kinder, allen voran natürlich Prof und Nancy. Die Kleine liebt es, mit mir zu spielen, und für mich geht es immer nur darum, ihr ein Lachen zu entlocken. Glaubt mir, für dieses Giggeln, bei dem ihr ganzes Gesicht nur aus ihrem breit strahlenden Mund zu bestehen scheint, tue ich so ziemlich alles! Auch 30 Mal hintereinander eine Weihnachtsmütze aufzusetzen oder mir einen Stift zwischen Mund und Nase klemmen – nur, um mir beides in der nächsten Sekunde wieder von ihr runterreißen zu lassen. Aber im Anschluss kommt das Lachen, und daraufhin geschieht die ganze Prozedur ein weiteres Mal. Und dann nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Wirklich, es ist so, so süß!

Nancy <3

Aber auch die Nachbarsmädchen sind inzwischen wie kleine Schwestern für mich. Abends werden oft Klatschspiele gelernt oder Tänze aufgeführt, wobei kein Tanzabend ohne eine Macarena-Einlage vonstattengeht 😉, manchmal auch gegenseitig Märchen erzählt oder einfach nur schief und laut aber aus vollem Herzen ghanaische Songs gegrölt. Es gibt auf jeden Fall immer was zum Lachen oder Freuen und manchmal machen sogar auch die Jungs (Collins) mit 😉.

ein paar verschwommene Tanzbilder

Das kommende Wochenende wird genutzt, um alle verbliebenen Freiwilligen in Ada-Foah, östlich von Accra an der Volta-Mündung gelegen, zu treffen und eine Runde auszuspannen. Anfang Juli fliegt nämlich der nächste von uns nach Deutschland zurück – wieder ein Junge! Inzwischen haben sich die Fronten stark geändert, von den anfänglichen zehn Jungs sind nach dem kommenden Abflug im Juli nur noch schwache drei männliche Kandidaten übrig, während wir sieben Mädels konstant bleiben und zusammenhalten.

Ich freue mich aber, dass wir nach Ghana noch die Chance haben, uns alle auf dem Nachbereitungsseminar wiederzusehen. Da werden nämlich auch die kommen, die abgebrochen haben, was bestimmt schön wird!

Aber bis dahin ist noch ein wenig Zeit, die ich hier genießen möchte und definitiv auch werde – wie jetzt zum Beispiel, wenn ich gleich noch eine dicke, frische Mango als Betthupferl esse! 😉

PS: Patricia hat inzwischen eine neue Katze, diesmal ist es allerdings weder "Peace" noch "Hope". Dieses Mal heißt die Kleine "Love"...