Samstag, 16.03.2019

...und die Zeit fliegt...

Ich habe den Schreckmoment, als ich gerade gesehen habe, wie lange mein letzter Eintrag schon wieder her ist, ehrlich gesagt eher als positives Zeichen angesehen. Dass die Zeit in den letzten Wochen so unglaublich schnell vergangen ist, ist für mich nämlich ein Indiz dafür, dass die Dinge hier mich voll im Griff haben, ich viel beschäftigt bin, dabei einiges erlebe und das Beste an dem Ganzen: dabei auch noch total zufrieden und glücklich bin.

Tatsächlich ist in den letzten Wochen so einiges passiert. Da der eigentliche neue Eintrag aber gar nicht über die vergangenen eineinhalb Monate gehen soll (So spannend waren sie dann auch wieder nicht, da hauptsächlich Schulalltag war), ich aber trotzdem gerne alles auf dem aktuellen Stand haben möchte, hier nur eine kleine Zusammenfassung der wichtigsten Dinge:

Vor zwei Wochen kamen mich meine Eltern, sowie mein großer Bruder hier in Ghana besuchen, denen ich, durch eine gemeinsame neuntägige Reise durch das Land, einen kleinen Einblick in meine vorrübergehend neue Heimat vermitteln konnte. Den letzten Tag der viel zu kurzen aber wunderschönen Zeit haben wir dann in Suhum verbracht, wo im Schnelldurchlauf alle wichtigsten Alltagspunkte, sprich Zimmer/Haus, Gastfamilie, Schule, Waisenhaus, die Stadt etc., abgeklappert und die vielen mitgebrachten deutschen Leckereien (haben sogar extra ein eigenes Fach in meinem Regal bekommen) im Zimmer abgeladen wurden. Leider hatten meine Eltern aber nicht mehr die Möglichkeit, meinen Mitbewohner kennenzulernen, womit wir auch schon beim nächsten Punkt wären.

Thilo hat nämlich seinen gesamten Freiwilligendienst in Ghana frühzeitig (ein halbes Jahr früher) abgebrochen und mich somit alleine in Suhum zurückgelassen. Was ich anfangs noch für eine mittlere Katastrophe hielt (ein halbes Jahr ganz alleine hier?!) hat sich im Nachhinein aber als das Beste entpuppt, was mir hätte passieren können. Nach seinem Abflug am 25.2. bin ich gleich am nächsten Tag produktiv geworden und habe neben neuen Vorhängen auch Kissen, sowie Matratzenbezüge besorgt, die farblich alle zu den dunkelroten Wänden in meinem Zimmer passen. Während ich jetzt im Stockbett unten schlafe, zieren die Kissen also auf der oberen Etage, zusammen mit den aufgehängten Fotos, mein selbsternanntes Sofa. Ist schon ganz angenehm, nicht mehr dauernd auf dem Boden sitzen zu müssen. Angenehm ist außerdem natürlich auch noch der Platz und die Zeit, von denen ich jetzt jeweils mehr für mich habe und die ich wirklich sehr zu schätzen gelernt habe. Abendliche Telefonate, für die man im Zimmer bleiben kann ohne jemanden zu stören, sowie sich einfach breit machen zu können wann immer man Lust dazu hat – das ist tatsächlich schon sehr, sehr schön. Die einzige Frage, die bei mir durch die ganze Umräum-Aktion aber aufgeworfen wurde, ist: Wie bitteschön ist es möglich, dass ich mein ganzes Zeug (Klamotten, sowie allerlei Krimskrams) anfangs in einem einzigen Regal unterbringen konnte, wenn ich jetzt sogar noch ein zweites, Thilos, Regal komplett damit füllen kann?! Diese Frage wird wohl leider für immer unbeantwortet bleiben und sollte doch noch die (unwahrscheinliche) Situation eintreten, dass ein zweiter Freiwilliger wieder nach Suhum kommt, werde ich als Bedingung stellen, dass er/sie ein eigenes Regal mitbringt – alles wieder in ein Regal zu stopfen ist nämlich leider ein Ding der Unmöglichkeit!

Thilos Abflug hat aber nicht nur Veränderungen in meinem Zimmer hervorgerufen. Dadurch, dass ich jetzt wirklich kein bisschen mehr an eine andere Person gebunden bin (klar konnte ich auch schon zuvor tun und lassen was ich wollte, aber man hat sich halt doch automatisch irgendwie ein klein wenig an den anderen angepasst), habe ich natürlich auch automatisch mehr Freiheiten, um genau das zu machen, worauf ich gerade Lust habe. Das bedeutet in meinem Fall, dass ich nach dem Abendessen immer noch für ein paar Stunden bei meiner Gastfamilie bleibe und entweder meiner Mama bei Haushaltsdingen helfe oder aber auch einfach den Babysitter für Prof und Nancy spiele, damit Martha noch auszustehende Dinge erledigen kann. Die beiden Kleinen machen derzeit unglaubliche Fortschritte in ihrer Entwicklung. Während Professor immer mehr redet und singt und auch seinen Englischwortschatz Stück für Stück erweitert, kann Nancy mit ihren sechs Monaten bereits (mit Hilfe) stehen, zieht sich auch schon selber an Dingen hoch und möchte auch gefühlt den ganzen Tag über nichts anderes machen. Generell hat sich das Verhältnis zu der Familie noch deutlich intensiviert in den Tagen, die ich jetzt alleine bin und gerade mit Martha habe ich mich das ganze halbe Jahr zuvor noch nie so gut verstanden wie im Moment. Ich hoffe inständig, dass das jetzt von Dauer ist und noch lange anhält! Aber das Allerschönste sind noch immer die Momente, in denen Nancy mich aus vollem Herzen anstrahlt oder aber wenn ich zum Haus runterkomme und Profe mich schon mit einem freudigen „Hannah!“ an der Tür erwartet. (Zwei brandaktuelle Situationen: Gestern Abend ist Prof auf meinem Schoß auf dem Sofa eingeschlafen und hat dabei die ganze Zeit meine Hand umklammert gehalten, während ich ihm deutsche Schlaflieder [mit falschen Text…?] vorgesungen habe. Mit dem ansonsten vor Energie strotzenden Jungen war das schon ein sehr besonderer Moment, den ich sehr genossen habe. Heute dann wollte ich zu Marthas Haus gehen, als gerade ihre Nachbarin mit Nancy auf dem Arm vom Shop um die Ecke zurückkam. Die Kleine hat total geschrien, weil sie Erama nicht so gut kennt und wohl Panik hatte, was dieser Mensch mit ihr vorhat. Als ich sie dann aber auf den Arm genommen und mit ihr geredet habe, hat sie sofort aufgehört zu weinen und hat mich angelacht. Da ging mir so das Herz auf!)

PS: Die letzten Wochen/Monate herrschte Trockenzeit in Ghana, wodurch es kein bisschen geregnet hat, sodass das Grundwasser merklich zurückgegangen ist. Bei unserem Brunnen, wo ich immer Wasser für meine Familie hole, habe ich bereits nach wenigen Wochen schon ein deutlich längeres Seil gebaucht, um an das Wasser zu kommen. Heute war es dann so weit, dass die Pumpe im Waisenhaus bzw. in der Schule aufgrund des niedrigen Grundwasserspiegels kein Wasser mehr zu Tage gefördert hat, sodass die Kinder zu weiter entfernten Quellen laufen mussten. Zudem habe ich gelesen, dass die mehrstündigen Stromausfälle, die es die letzten Tage in ganz Ghana gab (das Beste: von 5-11 pm kein Strom, wenn es um halb sieben dunkel wird…), ebenfalls mit dem Wassermangel zu tun haben. Da der Großteil des ghanaischen Stroms nämlich durch den Akosombo-Staudamm erzeugt wird, tragen die große Hitze mit einer enormen Sonneneinstrahlung, sowie der fehlende Regen dazu bei, dass der Wasserpegel im Stausee deutlich sinkt, was wiederum zu zwingenden Einsparungen von Strom in den ghanaischen Haushalten führt, da es nicht möglich ist, die Energieversorgung in ganz Ghana in dieser Zeit dauerhaft aufrecht zu erhalten.

Da dieser Eintrag jetzt doch wieder länger geworden ist als ursprünglich vorgehabt, lade ich den anderen, eigentlich geplanten, ein andermal separat hoch. Das ist glaube ich für alle Beteiligten angenehmer?.

Noch ein paar Bilder derjenigen Menschen, dei meinen Alltag hier prägen:

Von links nach rechts: George (Papa), Thilo, ich mit Nancy, Martha (Mama) - Prof war leider krank an dem Tag Energiebündel Professor Profe Grinsebacke Nancy