Donnerstag, 29.11.2018

Zwischenstand der Dinge

„Mohammed, können wir auf diesen Berg hoch?“ – „Ja klar, da kenne ich einen Weg, der hochführt, ich zeige ihn euch.“ Bergbesteigung beginnt – „Mohammed, da ist kein Weg?!“ – „Doch, du musst dir halt einfach einen selber machen!“

So ungefähr fingen eine der lustigsten (und kürzesten) „Bergtouren“ an, die ich je gemacht habe. Nachdem Thilo und ich ihn gefragt hatten, ob man nicht auf die Hügel vor und hinter Suhum steigen kann, meinte Mohammed „klar kann man“ und stiefelte mit uns an zwei Samstagen los. Der erste Hügel den wir erklimmen wollten, entpuppte sich leider als ziemlich felsig und als wir uns nach einer gefühlten Ewigkeit endlich einen Weg durch die Kakaoplantage und nachfolgendes Gestrüpp gebahnt hatten, standen wir mitten vor einer Felswand, sodass uns nichts anderes übrigblieb, als unverrichteter Dinge wieder umzukehren. Der Rest des Tages war aber trotzdem noch sehr schön: wir fuhren mit Mohammed und seinem Freund Ernest mit Motorrad-Taxis zu dessen Heimatort, wo wir frische Kokosnüsse, Orangen und Zuckerrohr selber ernten und essen durften, nachdem eine am Boden wachsende (wie eine Schlange) Palme bestaunt wurde.

Wo war der Weg nochmal?Schlangen-Palme frische Kokosnuss - lecker! Ein bisschen Zuckerrohr gefällig?

Der zweite Ausflug führte uns zu den zwei Hügeln auf dem Weg zwischen Suhum und Koforidua, die Thilo und ich auf diversen Trotro-Fahrten schon zur Genüge bewundern durften. Der erste Hügel entpuppte sich leider als relativ ähnlich zu unserem vorangegangenen Erlebnis. Mohammed: „Da ist ein Weg.“ Realität: Da ist kein Weg. Klar, kann man sich einen Weg selber bahnen, aber das muss man erst einmal schaffen bei mannshohem Gras, von dem die Hälfte aus Kletten besteht, die man nicht nur selbst nach sorgfältiger Entfernung und Waschen der Kleidung noch überall findet, sondern die auch ganz schrecklich jucken. Also wurde auch diese Wanderung zu der Liste der fehlgeschlagenen Dinge hinzugefügt und der letzte der Hügel in Angriff genommen. Diesmal hieß es nicht nur: „Da ist ein Weg!“, sondern sogar: „Da ist ein guter Weg!“. Dieses kleine Wörtchen scheint hier wohl ziemlich viel auszumachen, diesmal gab es nämlich tatsächlich einen Weg! Zwar ging es nur im Steinbock-Stil über Felsbrocken und nach fünf Minuten war man auch schon oben (es war wirklich kein hoher Berg), aber trotzdem konnte man recht weit sehen und das war schon ein kleines Highlight!

Wie lange das wohl noch gut geht? Hat sich dann doch noch gelohnt

Mohammed ist aber nicht nur wandern gegangen mit uns, an einem anderen Wochenende wollten wir zusammen auch mal nach Koforidua fahren, um uns dort in einen Pool abzukühlen. Das ist hier ganz lustig – man fährt zu einem Hotel, zahlt einen festen „Eintrittspreis“ und darf dafür dann den ganzen Tag über dessen Pool benutzen und sich dort aufhalten. Tja, nur leider schien gerade an diesem Samstag in ganz Koforidua „free-pool-party“ zu sein. Jeder durfte sich bei der Hitze umsonst in den Pools räkeln, wovon von den Ghanaern auch fleißig Gebrauch gemacht wurde, sodass sich in den Becken mehr ghanaische Jungs als Wasser befanden. Auch wenn wir deswegen leider nicht baden waren, war es trotzdem wieder eine interessante Erfahrung, denn das Verhältnis von Frauen und Männern auf dem musikbeschallten Areal war ca. 1:30. Da an diesem Tag der Pool somit für mich ausfiel, haben Thilo und ich den Tag einfach am folgenden Donnerstag nachgeholt. Drei Stunden kühles Nass – und das ohne eine andere Menschenseele! Herrlich!

Wie man aus meinen Berichten bestimmt herauslesen kann, machen Thilo und ich so gut wie alles gemeinsam. Ist ja auch irgendwo logisch, jeder möchte so viel wie möglich in diesem Jahr erleben und da dies unter der Woche aufgrund unseres Projekts eher schwieriger ist, werden die Wochenenden immer voll ausgenutzt. Trotzdem gibt es ein paar wenige Momente, Stunden, Tage, an denen wir doch unterschiedlichen Aktivitäten nachgehen. So war Thilo zum Beispiel eines Wochenendes in Accra, ein Päckchen abholen und Freunde besuchen, während ich in aller Ruhe zu Hause meine Ukulele-Künste verfeinern konnte, ohne Angst haben zu müssen, aufgrund meines schrägen Gesangs ein Buch an den Kopf geworfen zu bekommen. Allerdings bin ich an diesem Abend nicht allzu weit gekommen, plötzlich stand nämlich Prince vor der Tür, ein Freund von uns, Nachbar unserer Gastfamilie und irgendwo auch Musiker, und hat mich, eingepfercht in dem Auto eines Freundes, mit zu einer Tankstelle außerhalb Suhums geschleppt. Es sollte ein Musikvideo gedreht werden. Wenn man jetzt zu den Begriffen „Tankstelle“ und „Musikvideo“ noch „15 ghanaische Jungs“, „ghanaischer Rap“ und „Handykamera“ hinzufügt, kann man glaube ich ein ganz gutes Bild von der Situation bekommen. Während die zwei Sänger vor einem Auto an der Tankstelle zu einem Laptop-Remix über Kebap gerappt haben (das war zumindest das, was ich verstanden habe), hat ein andere das ganze per Hand mit seinem Handy festgehalten. High-Quality eben. Lustig war es aber auf jeden Fall und natürlich hatte das Obruni-Mädchen auch einen Gastauftritt bei dem Ganzen (allerdings eher weniger freiwillig…).

So, das war jetzt ganz schön viel zu Beschäftigungen, die zwar zum Glück etwas Abwechslung bringen, jedoch eher nicht unseren Alltag widerspiegeln. Letzterer sieht aber inzwischen zum Glück auch immer besser aus. Nach mehrfachem Drängen und Nachfragen hat uns vor ein paar Wochen endlich der Schreiner besucht und sich das Bett in unserem Zimmer vorgeknüpft. Dass er es komplett auseinandernehmen musste, um die Verbindungswinkel richtig festzuschrauben, hat sich definitiv gelohnt. Jetzt brauche ich nämlich mehr als nur meinen kleinen Finger, um das Bett bewegen zu können. Ein weiterer sehr positiver Aspekt, der mit dem gefixten Bett einherkommt, ist die Tatsache, dass ich nicht mehr auf dem Boden schlafen muss. Nach zweitägigem Lüften kann ich nun stolz verkündigen, dass ich derzeit auf einer einigermaßen normal riechenden Matratze in einem Bett schlafe und der feuchte Boden im Kampf um diese wohl oder übel den Kürzeren gezogen hat.

Nachdem die Reparatur vollendet war, konnte ich endlich auch zu einer Angelegenheit übergehen, die mir besonders am Herzen lag: Schränke. Ich konnte meinen Klamotten davor auf der provisorischen Ablage förmlich beim Dahinmodern und -müffeln zusehen, sodass gleich am nächsten Tag zwei Schuhregale besorgt wurden, die als einzige Regale in der ganzen Stadt mehr als drei Fächer hatten. So ist alles verstaut, hat seine Ordnung und das Zimmer sieht gleich viel wohnlicher aus. Da durch den Schrank jetzt wieder ein bisschen mehr Platz war, lud das förmlich dazu ein, ein paar neue Klamotten zu besorgen. Hierbei hat mich nicht nur die Kreativität der Ghanaer überrascht (eine gefälschte Adidas-Sporthose mit dem Namen „Ababas“), sondern auch die Jeans, die wohl in Europa für den Altklamotten-Container gespendet wurde (apropos Spenden: rechts am Rand ist nun mein Spendenkonto zu finden, für alle, die es beim Wort „Spenden“ gerade in den Fingern gejuckt hat ?) und so gut passt, wie schon lange keine Hose mehr. Sowohl die Weite als auch die Länge – und das will was heißen!

Dass die neuen Hosen in meinem Schrank schön sind, hat sich wohl auch die große Eidechse gedacht, die eines Abends nicht nur in unser Haus gehuscht, sondern auch zielstrebig in unser Zimmer geflüchtet ist, als der Nachbarsjunge sie vertreiben wollte. Dabei über meine Füße zu rennen schien aber nur der Anfang ihrer Mission gewesen zu sein, denn ab ging es, zielstrebig unter meinen Kleiderschrank und dann von innen die Rückwand hoch. Dort wurde dann auf Höhe von Pullis und Hosen ausgeharrt, wohl in der Hoffnung, sich schnell verkrümeln zu können, wenn keiner hinguckt. Tja, leider, hatte sie da die Rechnung ohne meine Nachbarin gemacht. Einmal kräftig mit dem Besen gegen die Wand geschlagen, kam die Echse mit Schwung aus ihrem Versteck geflogen, ist genau auf Thilos Füßen gelandet und so schnell es ging nach draußen gerannt – Ohne meine Hosen ?

Auch wenn wir nicht viel mit Ungeziefer und Tieren im und ums Haus herum zu tun haben (toi toi toi) reicht mir die Liste mit Tausendfüßler, Ameisen, Würmern, Kakerlaken, Echsen, Mücken und der Schlange auf unserer Toilette vollkommen. Letztere war zwar klein aber oho, konnte jedoch zum Glück mit einem gezielten Schlag eines Holzbeils unschädlich gemacht werden, bevor sie jemandem etwas antun konnte. Noch einmal brauche ich solch eine Begegnung (und auch die mit der Eidechse) trotzdem erstmal nicht so schnell!

Die nötige Entspannung konnte ich zum Glück vergangenes Wochenende in Kokrobite, Accra finden. Auf unserem ersten Zwischenseminar (es ist jetzt tatsächlich schon ein Viertel des Jahres vorbei?!) wurde uns nicht nur super leckeres Essen serviert und Abkühlung im Meer geboten, sondern auch über wichtige Dinge wie unsere Gastfamilien, Aufgaben im Projekt oder das Mülltrennungssystem in Ghana gesprochen. Die Mentoren und Vorgesetzten haben sich viel Zeit für uns genommen, sind auf jedes einzelne Anliegen eingegangen und haben uns dennoch genug Freiraum gegeben, uns untereinander auszutauschen, zwei Geburtstage nachzufeiern und den Abend bei einer hitzigen Kicker-Partie ausklingen zu lassen. Aber wie das mit solchen Wochenenden leider immer so ist, ging auch dieses viel zu schnell vorüber. Zum Glück sind wir ja aber nicht auf die Seminartreffen angewiesen, um uns alle wiederzusehen – die nächsten Aktivitäten sind somit natürlich schon angesetzt! ?